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SWR2 Wort zum Tag

Das ganze Leben ist eine einzige Illusion, ein Haschen nach dem Wind. Der dies sagt, ist kein zeitgenössischer Denker des Absurden, sondern ein unbekannter Schriftsteller, der etwa 250 Jahre vor Christus gelebt hat. Seine resignierten, selbstquälerischen Gedanken sind in der Bibel nachzulesen. Dort wird er als „Kohälät“ bezeichnet, auf Deutsch: Gemeindeleiter, Lehrer. Sein Buch zählt man zur sogenannten Weisheitsliteratur des Alten Testaments, obwohl er betont, dass ihm weder menschliche Weisheit noch der Glaube an Gott dabei helfen, in seinem Grübeln über die unlösbaren Rätsel des Lebens irgendwie weiter zu kommen. 

Man hat das Buch des „Kohälät“ als das „Hohelied der Skeptiker“ bezeichnet. Und in der Tat ziehen sich Zweifel und tiefe Skepsis von Anfang bis Ende hindurch. Wir sind gefangen in einem unentrinnbaren Kreislauf von Geborenwerden und Sterben. Die Schatten der Vergangenheit belasten uns, die Zukunft ist völlig ungewiss, das Hier und Jetzt ist wechselhaft und flüchtig. Macht es überhaupt einen Sinn, sich um ein verantwortungsvolles Leben zu bemühen? Wir sehen doch, dass Gerechte trotz ihrer Gerechtigkeit untergehen und die Skrupellosen die Oberhand behalten. Ja, sagt der Kohälät, es ist geradezu eine Last, dass Gott, so er denn existiert, uns mit Denken ausgestattet hat, mit dem Verlangen, nach Sinn zu suchen. Am Ende all unserer Weisheit müssen wir ja doch erkennen, dass schon die Frage nach einem Sinn sinnlos ist. 

Solche Gedanken haben schon immer Anstoß erregt. Später hat daher jemand der kleinen Schrift eine Mahnung hinzugefügt. Er meint: „Mein Sohn, lass dich warnen! Das viele Büchermachen nimmt kein Ende, und das viele Studieren ermüdet den Leib. Zu guter Letzt lasst uns daher hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das gilt für jeden Menschen.“ (12.12)

Aber eine solche fromme Gereimtheit lehnt der Autor ja gerade ab. „Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde“, sagt er (5,1) Und du musst hier auf dieser Erde mit all den Ungereimtheiten zurechtkommen – und zwar zurechtkommen ohne Gott, zumindest ohne einen Gott, der sich als Antwort auf alle Fragen bemühen lässt. Das ist schwer. 

Das geradezu trotzige Beharren des Kohälät auf der Zwiespältigkeit des Lebens entspricht so sehr den Fragen vieler heutiger Menschen, ihrem Ringen um Sinn und Orientierung, ihrem verunsicherten Glauben. Es ist gut, dass auch dafür in der Bibel ein Platz ist. Der Glaube an Gott muss diese Zweifel aushalten, wenn er die Menschen und ihre Fragen ernst nimmt. Und wenn er Gott selbst ernst nimmt. Von Gott zu sprechen heißt nicht, die Lösungsformel für die Lebensrätsel gefunden zu haben. Nach ihm zu fragen ist die größte und schwierigste aller Fragen.

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