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SWR2 Wort zum Tag

Der Dichter Arnold Stadler beschreibt in seinem Roman „Der Tod und ich, wir zwei“, wie in einem eleganten deutschen Seniorenheim Weihnachten gefeiert werden soll. Da das Haus „weltanschaulich neutral“ ist, das heißt also keine Kapelle hat - dafür aber eine Filiale einer großen deutschen Bank - kann man sich nicht auf ein gemeinsames Weihnachtslied verständigen. Nicht einmal „Leise rieselt der Schnee“ ist möglich, da ja bekanntlich in der dritten Strophe das „Christkind“ auftaucht. Schließlich einigt man sich auf „Oh Tannenbaum“. Das ist weltanschaulich neutral und allgemein bekannt, also können es alle mitsingen.

 „O Tannenbaum“, dieses Lied singen Christen auch. Zuhause oder bei Weihnachtsfeiern.In den großen Weihnachtsgottesdiensten wird das Lied aber nicht gesungen, denn da wird Größeres gefeiert. Nichts gegen diese alten Lieder, gar nichts, Weihnachten ist ein Fest der Stimmungen, der Gefühle, der Romantik, all dessen, was im Alltag so schnell untergeht. Menschen sehnen sich danach, und das zeigt sich immer wieder an Weihnachten. Auch bei den Menschen, die das Wort Liebe oder Gefühl ungern oder überhaupt nicht in den Mund nehmen. Und wenn Verhärtungen aufgebrochen werden und sei es nur für Stunden oder Tage ... gut so!  Aber das ist nicht das Ziel. Das sind Voraussetzungen um das hören und tiefer verstehen zu können, was uns im Evangelium der Christnacht verkündet wurde: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Er ist der Messias, der Herr.“

Das ist die Mitte. Das ist die Botschaft von Weihnachten. Gott sucht den Menschen und wird selbst Mensch unter Menschen. Das predigt uns das Bild der Krippe. Seit 2000 Jahren. Gott, der Allmächtige, hat sich klein und verwundbar gemacht. Er, der Herr des Kosmos, ist Mensch geworden auf eine Weise, die niemand erwartet hätte. Das Bild vom Stall und der Krippe ist kein Zufall, sondern ein Symbol dafür, dass Gott auf so überraschende Weise Mensch wird. Mit Leidenschaft sagt er uns damit: Nichts und niemand ist zu klein oder zu unbedeutend, um von Gott nicht gekannt zu sein. In einem alten katholischen Lied hieß es einmal: „Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschar“. Die Kirche hat es schon lange aus ihrem Gesangbuch gestrichen. Es sollte zum Ausdruck bringen, welche Ehrfurcht Gott, dem Allmächtigen, gebührt. Aber Gott die Ehre zu geben, das hat nichts damit zu tun, sich unterdrücken oder erniedrigen zu lassen. Gott hat sich selbst in den Staub gelegt, ist Mensch geworden, mit allem, was dazu gehört. Er rettet von unten.

In einer Inschrift in Kleinasien, heute auf dem Gebiet der Türkei,

wurde der Satz gefunden: „Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott.“ Diesen Satz sprechen wir Christen auch im großen Glaubensbekenntnis. Mittlerweile. Denn diese ursprüngliche Inschrift beschreibt etwas ganz anderes, etwas was vor Christi Geburt stattgefunden hat. Gemeint ist nämlich der römische Kaiser Augustus. Er wird vergöttlicht, seine Macht und unumschränkte Herrschaft wird damit verabsolutiert. Ein göttlicher Augustus. „Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott.“

Viel später wurde exakt die gleiche Formel auf Jesus von Nazaret, den Zimmermann, den Sohn Gottes, übertragen und ins Credo der Kirche, ins Glaubensbekenntnis, aufgenommen. Das war explosiv und ist es bis heute. Denn: Damit werden die Positionen endgültig klargestellt. Für immer. Niemand ist Gott außer Gott selbst.

Und zu dessen Volk gehöre ich. Grenzüberschreitend, sprachverbindend, mit kultureller Vielfalt. Mir verleiht das eine Würde und gleichzeitig fordert es mich heraus. Verbunden und gestärkt durch diese weltweite Gemeinschaft haben Christen den Auftrag, den Mund aufzumachen wenn es auf sie ankommt. Christ-Sein heißt nicht: keinen Fehler machen, um ohne Anzuecken in den Himmel zu kommen, sondern zu leben was man glaubt. Es zumindest zu versuchen.

„Der Retter ist geboren, der Messias, der Herr.“ So heißt es im weihnachtlichen Evangelium. Der Retter ist für alle geboren. Die ganze Welt ist gemeint. Niemand ist ausgegrenzt. Gott wird Mensch unter Menschen so wie die nun mal sind. Unter Unauffälligen und Schrillen, unter Musterfamilien und Beziehungschaoten, Frommen und Gaunern, unter herzlich Fröhlichen und abgrundtief Traurigen, unter Glaubenden und Zweiflern. Ihnen allen ist der Retter geboren „der Messias, der Herr.“ Und ich, und wir, sind mittendrin.

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