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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

An Bord der Fähre unterhalten sich eine Frau und ein Priester. Die Frau: „Vielleicht lesen Sie einmal eine Messe bei uns, dann sehen Sie mich sonntags fromm in der Kirche knien.“ Der Priester: „Aber Sie glauben doch nicht an Gott.“ Die Frau: „Aber denken Sie, ich könnte es mir leisten – und ich würde es meinen Eltern antun - nicht in die Kirche zu gehen? Fromm ist unser gutes Mädchen geblieben…“  (Irisches Tagebuch, dtv 1985 S.11) So schreibt Heinrich Böll in seinem „Irischen Tagebuch“. In diesem Text versteckt der deutsche Literaturnobelpreisträger wohl etwas von seinem eigenen Verhältnis zur katholischen Kirche. Sich selbst hat er einmal als „LIKAKI“ bezeichnet, als linkskatholischen Kirchgänger. Geboren in Köln und ein Leben lang Rheinländer, war er wohl katholisch bis in die Knochen, ist aber mit seiner Frau aus der Institution Kirche ausgetreten. Die war ihm viel zu lau und angepasst, zu satt und zu reich. Böll hatte als Soldat den gesamten 2. Weltkrieg mitgemacht und überlebt. Das machte ihn zum Pazifisten. Nächstenliebe war sein erstes Gebot. Dann kamen die Vergebung und  das  Mitleid. Er schreibt:

 "Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen …"? (Eine Welt ohne Christus, 1957)

Für mich ist Heinrich Böll auch der Mann mit der Baskenmütze, der alt, krank und irgendwie gebrechlich inmitten von jungen Leuten in der Sitzblockade vor der geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf gesessen hat. Irgendwie fehl am Platz, aber trotzdem genau richtig. Unbequem und konsequent war er, polemisch und scharfzüngig. Für mich ein hellwacher Christ, der der Kirche seiner Zeit schonungslos die Meinung gesagt hat. Und er hat wunderschöne Bücher und Texte geschrieben. Heute würde Heinrich Böll  100 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Menschen wie Sie, Herr Böll, bräuchten wir heute ganz dringend.

 

 


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