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SWR4 Abendgedanken

Der Advent beginnt. In der Kirche geht es um Umkehr und Buße. Draußen vor der Kirche ist Weihnachtsmarkt. Es duftet nach Plätzchen. Die Menschen treffen sich, reden, lachen, scherzen, trinken Glühwein und essen Bratwurst. Und drinnen, bei uns in der Kirche läuft ein Kontrastprogramm. In den Bibelstellen, die in den Gottesdiensten vorgelesen werden, kommt Johannes der Täufer vor, ein klassischer Bußprediger. „Kehrt um, verändert euer Leben“ fordert er von den Leuten. Und weiter: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ Johannes der Täufer ist ein Asket, er lebt in der Wüste und ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig. Zu Weihnachtsmarkt, Lebkuchen, Glühwein und Bratwurst passt er ganz und gar nicht.

Ich bin kein Asket und eigentlich mag ich es zu feiern und fröhlich zu sein. Und deshalb fällt es mir schwer, ein Spielverderber zu sein. Ich will den Leuten den Weihnachtsmarkt nicht vermiesen. Aber das muss ich auch nicht. Denn ich weiß, dass das alles nur ein Spiel ist. Ein großes Theater, das wir da veranstalten. Die Häuschen vom Weihnachtsmarkt sind nur Kulisse einer heilen Welt, die es so gar nicht gibt. Wir dürfen Theater spielen, ein bisschen heile Welt genießen, so lange wir die Wirklichkeit nicht vergessen. In der wirklichen Welt steuern wir auf eine Klimakatastrophe zu und die verantwortlichen Politiker schaffen es nicht, da gegenzusteuern. In der wirklichen Welt leiden Millionen von Menschen unter Hunger, Krieg und Terror und wir schaffen es im reichen Europa nicht, denen die davor fliehen, Schutz zu geben. In der wirklichen Welt gibt es auch bei uns im reichen Deutschland viele Menschen, die nicht mithalten können, die arbeits- oder wohnungslos sind.

Ich glaube, wenn Johannes der Täufer heute predigen würde, würde er uns wohl auffordern hinter die Kulissen zu schauen und hier für Gerechtigkeit zu sorgen. Weihnachtsmarkt mit Plätzchen, Bratwurst und Glühwein wären ihm wohl ziemlich egal.

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