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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Schau mir in die Augen, Kleines!“ Kennen Sie diese Szene aus dem berühmten Film Casablanca?
Es ist eine Liebesszene. Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann auf dem Flugplatz. Er schickt sie weg, will ihr Leben damit retten. Aber sie will nicht. Sie liebt ihn. Warum kann sie nicht bei ihm bleiben?
Da sagt diesen unvergesslichen Satz: „Schau mir in die Augen Kleines.“
Sie tut es und sieht die Liebe in seinen Augen. Da kann sie ihren Weg gehen.

Manchmal genügt es, einfach nur die Blickrichtung zu wechseln. Manchmal ändert sich alles, wenn jemand meinen Blick in eine andere Richtung lockt. „Schau mir in die Augen Kleines.“ Ich liebe diesen Satz!
Und habe ihn in einer Begegnung zwischen Jesus und einer Frau wieder gefunden. Diese Frau starrte auch immer in dieselbe Richtung, nämlich auf den Boden. Ihr Rücken war krumm, nicht nur von der Arbeit, sie hatte „einen Geist, der sie krank machte“, wie es heißt. Deshalb hält sich die Frau auch im Halbdunkel auf, am Rand des Tempels. Ein Mauerblümchen vielleicht. Oder eine, die vor lauter Sorgen nur noch um sich selber kreisen kann. Und so ein Schattendasein führt.

Aber Jesus will sie so nicht stehen lassen. Er ruft sie zu sich in die Mitte.
Ob ich diesem Ruf gefolgt wäre, so mitten rein- ich weiß nicht. Sie jedenfalls geht. Die Leute sehen, wie Jesus ihr die Hände auflegt und dann laut und deutlich sagt: „Sei frei von deiner Krankheit.“
Und tatsächlich- sie richtet sich auf und lobt Gott. Das steht in der Bibel, so haben es die Leute gesehen.

Aber ich glaube, da muss noch was gewesen sein. So schnell geht das doch nicht, von einem bösen Geist frei zu werden. Wie hat Jesus das gemacht? Dass sie sich nicht mehr schämt? Dass sie sich aufrichtet und frei in die Runde schaut? Niemand weiß es wirklich. Aber ich könnte mir so was vorstellen wie im Film Casablanca.
Dass Jesus ihr Gesicht in die Hände genommen hat und es sanft zu sich hin gedreht hat. Und dann diesen unvergleichlichen Satz gesagt hat: „Schau mir in die Augen, Kleines.“
Gott will dich nicht als Mauerblümchen. Nicht gebuckelt oder gedeckelt. Gott will dich mitten im Leben. Aufrecht und mit freiem Blick. Fröhlich und heiter. Deshalb schickt er immer wieder Menschen, die den anderen auf Augenhöhe begegnen, auch wenn sie viel größer sind. Die so viel Liebe in ihren Augen haben. Und die einen zum Schmelzen bringen, wenn sie sagen: „Schau mir in die Augen Kleines.“
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