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SWR2 Wort zum Tag

Über dem Hauptportal der Universität Freiburg steht der Satz: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Das ist ein Satz von Jesus, und er steht im Johannesevangelium. Ein Glaubenswort also an einer Stätte des Wissens und der Erkenntnis, das ist spannend. Besonders interessant finde ich dabei, dass hier ein Zusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit hergestellt wird: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Dieser Zusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit ist keineswegs selbstverständlich. Lange hat man darüber gestritten, was von beiden nun wichtiger oder höherrangig sei. Im Namen der Wahrheit – oder im Namen derer, die glauben die Wahrheit zu besitzen – wird die Freiheit bis heute in politischen Regimen oder Religionen unterdrückt: die Freiheit zu denken und zu glauben; die Freiheit, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Auch die Geschichte des Christentums spricht davon Bände. Der Philosoph Immanuel Kant hat gegen den Zwang von Glaubensdogmen das freie und mündige Denken gefordert. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautet sein berühmtes Wort. Vorher schon hatte Martin Luther die Freiheit des Gewissens ins Zentrum gestellt.

Andererseits kann eine grenzenlose Freiheit auch schnell in Beliebigkeit oder Willkür umschlagen und so wiederum zu Unfreiheit und Zwang führen. Ja, sie gehören zusammen – die Wahrheit und die Freiheit. Ob die Wahrheit menschlich ist oder nicht, muss sich daran zeigen, ob sie zu einem freien Leben ermutigt. Und dass ich wirklich ein freier Mensch sein kann, heißt auch, dass ich sensibel bin für das, was wahr und was unwahr ist; dass ich versuche, verantwortungsbewusst und sinnvoll zu leben und zu handeln.

Hat das auch etwas mit meinem Glauben zu tun? Ja, viel sogar. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ – so heißt das Jesuswort im Johannesevangelium. Die Wahrheit, von der Jesus hier spricht, meint den Glauben an den Gott, den er Vater nennt – den Glauben an einen Gott, dem ich vertrauen kann, auch wenn ich vieles nicht verstehe. Der mir die Angst vor dem Leben nimmt und vielleicht auch einmal die Angst vor dem Sterben; der mich frei sein lässt. Das ist tiefste Wahrheit meines persönlichen Glaubens: ein grundlegendes Lebensvertrauen trotz vieler Fragen und Unsicherheiten und ungeklärter Lebensrätsel. Dieses Vertrauen  lässt mich frei atmen, frei leben, frei denken und frei glauben.

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