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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute ist Martinstag, 11. November. Als unsere Kinder klein waren, standen wir am Abend mit ihnen immer um das große Martinsfeuer vor der Dorfkirche. Es war lausig kalt. Eins der Kinder hatte wieder seine Handschuhe vergessen und zitterte zum Herzerweichen. Und hielt trotzdem wie die anderen tapfer seine selbst gebastelte Laterne hoch. Irgendwann kam der Sohn vom Bauer auf dem Ackergaul vorbei geritten und gab den Heiligen Martin. Dazu nahm er die Pferdedecke von seiner Schulter und teilte sie mit einem großen Ratsch. Alle sahen in ihm den Soldaten Martin hoch zu Ross, wie er seinen Mantel mit einem halbnackten Fremden teilt und ihn so vor dem Erfrieren rettet.

Dann trabte der Ackergaul mit Martin davon und es gab Glühwein für die Eltern und heiße Kastanien für die Kinder. In Mainz gibt es in vielen Gemeinden diesen Brauch, Denn Martin in Schutzpatron dieser Stadt.
Für mich als Protestantin ist erstaunlich:
Martin war der erste Heilige im vierten Jahrhundert, der nicht früh und als Märtyrer gestorben ist, sondern im gesegneten Alter von 81 Jahren und lebenssatt. Damals begriffen die Leute: man muss sich nicht den Löwen zum Fraß vorwerfen lassen, um seine Liebe zu Gott zu beweisen.

Es genügt, die Hälfte des Mantels abzugeben. Es genügt Güte und Barmherzigkeit, oder einfach Menschlichkeit. Martin Luther wurde am 11. November auf den Namen dieses Heiligen getauft und sollte später gerade diese Güte und Barmherzigkeit wieder entdecken. Als das wahre Gesicht Gottes.

Der Name Martin leitet sich übrigens vom Kriegsgott Mars ab. Als Sohn eines römischen Offiziers war der Heilige Martin zum Militärdienst verpflichtet und war tatsächlich 25 Jahre lang Soldat. Dann gründete er ein Kloster und wurde zu dem Bischof, der seinen Mantel mit einem nackten Fremden teilte.

Deshalb ist es sehr stimmig, wenn heute auch die alljährliche Friedenswoche beginnt, die der ökumenische Rat der Kirchen bis 2010 weltweit als „Dekade zur Überwindung der Gewalt“ ausgerufen hat.

So geht die Geschichte vom Soldaten, der seinen Mantel teilt, um die Welt. Gott will nicht, dass wir umkommen lassen, der uns fremd ist, sondern dass wir ihm wärmend einen Mantel um die Schultern legen. Gott will, dass wir uns Fremde zu Freunden machen. So einfach ist das- und doch alles andere als selbstverständlich.
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