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SWR3 Gedanken

Da stehen sie vor mir wie zwei brodelnde Vulkane kurz vor dem Ausbruch und blubbern so schnell ihre Vorwürfe heraus, dass ich gar nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Viele werden die Situation kennen: Plötzlich stehen zwei streitende Kinder vor einem. Jeder davon überzeugt im Recht zu sein.  Nun gut. In solchen Situationen höre ich mir immer beide Parteien an. Jeder soll seine Sichtweise ohne Unterbrechung darstellen. Immer wieder geht mir bei solchen Situationen ein Satz aus der Bibel durch den Kopf:  „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge siehst du nicht?“

Tatsächlich verrennen sich viele Kinder so sehr in die Vorwürfe gegen die andere Person, dass sie nahezu blind werden für die eigenen Fehler. Auch wenn diese viel größer sind als die des Streitpartners.

Das erwartete eindeutige Urteil bekommen die Kinder von mir nicht. Statt dessen versuche ich ihnen die Augen zu öffnen für die Sicht des Anderen. Wenn das gelingt, dann sind die Streithähne oft in Nullkommanix wieder versöhnt. Kinder müssen eben noch lernen, könnte man scheinbar überlegen sagen. Aber ist das bei uns Erwachsenen nicht auch noch so? Ich war selbst schon so ein blinder Streitpartner. Und ein Blick in Gesellschaft, ganz besonders in die Politik, lässt ahnen, dass ich da nicht allein bin.

Ich finde, das ein bisschen wie bei einer 3D Postkarte. Wenn man von der einen Seite schaut, sieht man ein Bild. Einen lila Baum zum Beispiel. Aus einer anderen Position mit verändertem Blickwinkel, kann man den Baum aber überhaupt nicht erkennen. Stattdessen sieht man von da aus glasklar ein weißes Pferd. Jetzt können sich zwei Menschen ewig streiten, ob auf der Postkarte ein Baum oder ein Pferd ist. Beide haben ja Recht. Aber dass es eigentlich viel mehr ist als erwartet: ein Baum und ein Pferd, das erkennt nur derjenige, der bereit ist, seinen Blickwinkel zu weiten oder die Position des anderen einzunehmen. Vielleicht mit überraschenden Erkenntnissen.

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