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SWR3 Gedanken


»Es begab sich aber zu der Zeit...« I
Was soll ein Mann mit seiner schwangeren Verlobten machen, wenn das Kind nicht von ihm ist? Er steckt in einem Beziehungschaos! Wer bin ich für sie? Ist die eine ganz andere, als ich dachte? Da ist seine Welt heillos durcheinander.
Und unversehens ist man in der Weihnachtsgeschichte drin. Die beginnt alles andere als heil. Als Maria nach mehreren Monaten von einem Besuch bei ihrer Tante nach Nazareth zurückkommt, sieht der ganze Ort, dass sie schwanger ist. Man stelle sich nur vor – die Blicke, das Getuschel, das Gerede, das Geschwätz in Nazareth. »Josef«, sagen die Leute, »du musst Deine Familienehre wieder herstellen!« Seine Verlobte soll gesteinigt werden soll, man drückt ihm einen Stein in die Hand, alles wartet auf ihn: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, fang an!.. – Ah, zum Glück war’s nur ein Alptraum! Joseph wollte alles andere als Gewalt... Am einfachsten, sagt er sich, er verlässt sie still und heimlich. Abhauen, dann wird niemand sie vor irgendein Gericht zerren können!
Doch dem Joseph träumt auch etwas ganz anderes. Dass er ruhig seine Frau zu sich nehmen könne, für sie und das Kind Verantwortung übernehmen. Sollen die Leute doch reden. Es ist ein Geschenk des Himmels. Und wer weiß, vielleicht wird’s ein ganz besonderer Mensch, wird einmal anderen helfen, sie retten, ja, sein Volk befreien, auch von Schuld. Diese fremde, andere Stimme im Traum. Aus einer anderen Welt.
Das höchste deutsche Gericht wird demnächst über einen Kaugummi urteilen. Der hatte bei einer Vaterschaftsfrage eine Rolle gespielt. Was auch immer das Bundesverfassungsgericht zu heimlichen Gentests sagen wird, unzulässig oder erlaubt – die Fragen nach der Verantwortung für eine Tochter oder Sohn, die bleiben. Ein guter Vater sein – oder besser: werden, das ist keine Frage der Biologie. Der Joseph in der Bibel kennt das Gefühlschaos auch – für ihn war letztlich die Rückenstärkung zu seiner neuen Vaterrolle eine Stimme eines Engels.
Erstaunlich: Der Advent in der Bibel beginnt mit Chaos. Dorthin will Gott kommen, in unsere Welt, wie sie nun mal ist, durcheinander, chaotisch, unklar, wirr. Genau da kommt er gerne an. Advent heißt ja schließlich „Ankunft“.
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