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SWR2 Wort zum Tag

St. Katharina – das ist der Name eines Waisenhauses in Mbinga, einer Stadt im Südwesten Tansanias. Vor vier Jahren haben die Vinzentinerinnen aus dem hiesigen Kloster das alte Gebäude gekauft, um Waisenkinder darin aufzunehmen. Am Anfang waren es nur ein paar wenige Kinder. Dafür war das Haus groß genug. Heute leben hier 23 Kleinkinder, und das Heim mit lediglich zwei Schlafräumen platzt aus allen Nähten.

Ihre Eltern sind an Aids oder Tuberkulose gestorben. Oder ihre Mütter haben sie ausgesetzt, weil sie zu jung oder zu arm sind, um Kinder großzuziehen. Bei meinem Besuch waren dort auch zwei Säuglinge, ein paar Tage alt, Zwillinge; die Mutter ist bei der Geburt gestorben.  Gottseidank können die beiden Kinder hier geborgen aufwachsen. 

Manche der Kinder sind dem fremden Besuch gegenüber zunächst ängstlich und scheu, andere freuen sich. Sie wollen sofort herumtollen, spielen. Sie wollen gar nicht mehr damit aufhören. Die Kinder fordern Aufmerksamkeit. Und vor allem suchen sie eines, das Wichtigste: Zuwendung – nur für sich ganz alleine. Sie hungern nach Nähe, wollen auf den Arm und in den Arm genommen und nicht mehr los gelassen werden. Die Kinder, die zunächst argwöhnisch sind, sind nachher am anhänglichsten. Ich will mich dem nicht entziehen. Wie könnte ich auch? Aber ich gebe zu, ich scheue mich zugleich, diese Nähe zuzulassen. Ich kann sie ja nicht wirklich geben. Und ich weiß auch, was dann kommt: Enttäuschung, Tränen, wenn ich wieder gehe. Die Erfahrung, einmal mehr zurück gelassen zu werden. Das sind dann Bilder, die mich nicht mehr loslassen. Ich halte das ganz schwer aus. 

Die drei Ordensschwestern, die hier mit den Kindern leben, arbeiten unter sehr mühsamen Bedingungen. Wenn es warm und trocken ist, dann ist der Innenhof Wohnzimmer und Spielplatz in einem. Aber alles ist dann voll von rotem Staub. Und bei Regen ist alles feucht und schmierig. Dann trocknet auch die Wäsche nicht richtig, und alle sind erkältet und verschnupft. Es kann unangenehm kalt sein hier im Hochland. Nachts schlafen die Schwestern bei den Kindern, weil diese oft krank sind oder in der Dunkelheit Angst haben. Sie geben ihnen so viel Liebe und Nähe, wie sie können. Aber dass sie verlassen worden sind und das auch spüren, das können die Schwestern den Kindern trotz allem nicht ersparen. 

Zurzeit bauen die Vinzentinerinnen ein neues Haus für die Kinder, etwas außerhalb am Stadtrand, sehr schön gelegen, mit viel mehr Platz und weitem Blick auf die Berge. Darüber freue ich mehr sehr. Vor allem aber hoffe ich für jedes einzelne dieser Kinder, dass es einmal jemanden findet, der sagt: Du gehörst zu mir, und ich lasse dich nicht mehr allein.

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