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SWR2 Wort zum Tag

„Luther und die Avantgarde“: So heißt eine Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg. Die konzeptionelle Idee ist: Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit reformatorischen Impulsen auseinander. Insgesamt 66 Künstlerinnen und Künstler beteiligen sich daran und haben in einer Gefängniszelle oder einem Treppenhaus oder einem Flur ein Kunstwerk inszeniert. Das Ergebnis: Der Ort der Unfreiheit hat sich in einen Ort der freien Kunst verwandelt.

Für viele der Künstler sind die Reformatoren kraftvolle Veränderer ihrer Zeit, die Machtstrukturen hinterfragt und aufgebrochen haben. Die Reformation hat große gesellschaftliche Prozesse in Gang gebracht. Kann Kunst heute solche Kraft entfalten?

Zum Beispiel: Ein durchgesägter Betonblock in einer der Gefängniszellen, fast raumfüllend. Der Block ist wie eine Frucht in der Mitte aufgeklappt. Man erkennt eine ausgeschnittene Hohlform - den Umriss eines hockenden, zusammengekrümmten Menschen. Es wirkt, als sei dieser soeben dem Betonblock entstiegen und habe einen Leerraum zurückgelassen. Als sei er ausgebrochen. Irgendwo an der Wand steht: „Die Gedanken sind frei“.

Der chinesische Konzeptkünstler und Bildhauer Ai WeiWei hat diese Skulptur in die Gefängniszelle gestellt und damit an seine wiederholte Inhaftierung als Menschenrechtler und Regimekritiker in China erinnert. Er lebt heute im Exil in Berlin, hoch geehrt von verschiedenen Kunstinstitutionen. Mit seiner Skulptur will Ai WeiWei deutlich machen, dass das Regime ihn zwar an Leib und Leben bedrohen, aber ihm nicht die Freiheit des Denkens nehmen konnte.

Woher hatte Ai WeiWei die Kraft, sich aus seiner Gefangenschaft hinauszudenken und seine innere Freiheit zu bewahren? Seine Lebensumstände waren ständig bedroht. Es gab immer wieder neue Vorwürfe der chinesischen Regierung gegen ihn. Man entzog ihm seinen Pass, schränkte seine Reisefreiheit ein. Doch er liess sich nicht einschüchtern und mundtot machen. Bei all dem war er nicht alleingelassen. Ein großes internationales Netzwerk an Künstlerfreunden und Politikern unterstützte ihn und sorgte dafür, dass seine Proteste ein internationales Echo erfuhren.

Manches davon erinnert mich an Martin Luthers unbeirrbare Durchsetzungskraft. Bei Luther erwächst sie aus dem Festhalten an der inneren Freiheit, die aus dem Glauben kommt. Christliche Freiheit nährt sich aus der Überzeugung, dass Gott den Menschen liebt, und dass diese Liebe dem Menschen seine unverlierbare Würde gibt. Dieser Betonblock mit der Andeutung einer Figur, die aus der Gefangenschaft ausgebrochen ist, findet eine neue kraftvolle Bildsprache dafür.

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