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SWR2 Wort zum Tag

Ich habe das Ave Maria schon oft gebetet. Wie eine Litanei, ohne dass ich mir dabei den Sinn der einzelnen Worte bewusst mache: „Gegrüßet seist Du, Maria“. Neulich hat mich eine Freundin auf eine Textstelle darin aufmerksam gemacht. Jedes Mal, wenn ich es bete, bleibe ich kurz an dieser Stelle hängen, wo ich zu Maria sage „Du bist voll der Gnade, der Herr ist mit Dir“.

Bisher habe ich das, was ich als Gebet gesprochen habe, immer ausschließlich an Maria adressiert und nur auf sie bezogen. Bis ich kapiert habe, dass ich das genau so gut auf mich beziehen kann. Schließlich glaube ich ja, dass Gott auch mit mir heute etwas Gutes vorhat. Das heißt dann aber, dass er mich mit seiner Gnade füllt und dass er mit mir ist. Also, dass er mich so führt, dass ich das Richtige tue. Und dass er mich damit auch schützt. Ich finde das entlastend. Es hängt also gar nicht alles an mir und an dem, was ich kann und was ich nicht kann. Ich baue darauf, dass Gott an meiner Seite ist, wenn ich etwas unternehme und mich unterstützt, dass meine Vorhaben gelingen. Aber das, was ich dazu beisteuern kann, mache ich auch. Ich lege nicht die Hände in den Schoß.

Für mich ist das Gebet so/im Laufe der Zeit zu einem schönen Morgengebet geworden. „Stefan, der Herr ist mit dir ...“ Es verändert meine Sicht auf das, was heute kommt. Zum Beispiel, wenn ich am Morgen die Termine durchdenke, die anstehen. An manchen Tagen kommt es echt geballt. Zu den ganz normalen Terminen kommt ein Termin mit Leuten, von dem ich ahne, dass er schwierig wird. Und dann noch ein Gespräch, bei dem ich einem Kollegen etwas sagen muss, was ihm vermutlich im ersten Moment nicht passen wird. Wenn ich das morgens schon alles vor mir sehe, weiß ich nicht, wie ich das gut hinbekommen soll. Ich werde im Vorfeld schon starr, fahre innerlich meine Verteidigung hoch und bereite Begründungen und Argumentationen vor, die meine Position untermauern.

Mir hilft dann diese Vorstellung, dass Gott mich mit seiner Gnade füllt. Wie bei Maria. Er trägt mein Handeln mit. Und das entspannt nicht nur im Vorfeld. Ich habe bemerkt, dass ich mit diesem Bild im Kopf Schwierigkeiten anders anpacke und anders auf die Leute zugehe. Weil ich nicht den Konflikt im Vordergrund sehe, sondern die Hoffnung, dass gut ausgehen wird, was ich heute anpacke.

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