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SWR4 Abendgedanken

Wahrscheinlich kennt das jeder aus dem Urlaub. Man wird von den Leuten auf der Straße angesprochen, die Gäste in ein Restaurant locken oder irgendwelche Waren an Touristen verkaufen sollen. Und vermutlich weil ich hellhäutig bin und helle Haare habe, halten viele mich für einen Engländer oder Holländer. Ich mag das nicht, wenn man mich auf der Straße so distanzlos anspricht. Und ich mag auch nicht, dass man mich wegen meines Aussehens in eine Schublade steckt. Ich fühle mich dann wie eine Sache behandelt, und nicht wie ein Mensch.

Wie es da erst dunkelhäutigen Menschen bei uns gehen muss? Sie werden bestimmt mit allerhand Klischees konfrontiert. Es gibt ja auch vermeintlich schöne Klischees, aber ich bin nicht sicher, ob die immer gut ankommen. Zum Beispiel, dass Leute aus Lateinamerika fröhlich und tänzerisch begabt sind. Denn jedes dieser Klischees hat eine Kehrseite. Den fröhlichen Lateinamerikaner nehme ich nicht ernst, und als prinzipientreuem Deutschen traut mir niemand zu, dass ich auch mal was locker nehme.

Es ist nicht so einfach. Denn die meisten Menschen kommen gar nicht ohne Vorurteile aus. Es macht uns den Umgang aufs erste leichter, wenn wir einen anderen so einordnen und auf die Schnelle reagieren können. Das will ich gar nicht bestreiten. Schwierig wird es dann, wenn ich bei meinem Vorurteil bleibe und dem anderen keine Chance gebe, zu zeigen, wie er wirklich ist. Aber genau das bin ich ihm schuldig. Andernfalls wird aus meinem Vorurteil ein Urteil und ich halte das, was ich mal so auf die Schnelle annehme, für die Wirklichkeit. Wahrhaftig leben ist aber etwas anderes.

Zwei Dinge sind mir dabei klar geworden: Wenn ich als Fremder im Ausland mit Vorurteilen gegenüber Engländern, Holländern und Deutschen konfrontiert werde, will ich mich nicht mehr ärgern, sondern daran danken, wie es wohl Leuten hier bei uns geht, die fremd aussehen.

Und das Zweite ist: Ich habe in solchen Situationen oft erlebt, dass sich die Sichtweisen ändern, wenn ich mit den Leuten rede. Wenn mich also nächstes Mal im Ausland wieder jemand als Engländer anspricht, ziehe ich mich nicht vorschnell zurück, sondern komme mit den Leuten ins Gespräch. Vielleicht wird es ja interessant, wenn der andere erfährt, wie ich in Deutschland lebe und was uns hier beschäftigt. Und ich lerne das Land und die Leute besser kennen, die ich besuche. Und die Vorurteile, die wir voneinander haben, bleiben keine Urteile, sondern werden der Anfang eines Gesprächs. Von Mensch zu Mensch.

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