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SWR4 Abendgedanken

Mit einem Splitter im Auge kann man nicht gut sehen. Es reibt, die Augen tränen und man muss blinzeln. Dann sieht man nur noch unscharf und wie durch einen Schleier. Im medizinischen Sinn ist das ein Fall für den Augenarzt.

Jesus hat auch einmal vom Splitter im Auge erzählt Mt 7, 3-5). Er hat dabei Menschen im Blick, denen irgendetwas die Sicht trübt. Sie kennen das vielleicht auch: Wenn man einen Menschen nicht leiden kann – dann sieht man nur noch seine Fehler und Ungezogenheiten. Dabei gäbe es wahrscheinlich auch Gutes von ihm zu berichten. Und wenn mir ein Mensch sympathisch ist – dann übersehe ich gern und leicht seine Macken und Fehler. Der Splitter im Auge, Sympathie oder Antipathie, Vorurteile und schlechte Erfahrungen von früher engen das Blickfeld ein. Die Sicht wird unklar. Das Problem: Bei anderen erkennt man so einen „Splitter“ oft schneller als bei sich selbst. „Ist der denn blind? Sieht der nicht, was hier Sache ist?
Wer würde seinem Gegenüber nicht gern helfen, so einen Splitter zu entfernen, damit er wieder klar sieht. Damit er wieder sieht, wie ich die Dinge sehe?

Aber halt, hat Jesus seinen Zuhörern gesagt. Du willst dem anderen seinen Splitter entfernen. Aber bemerkst du denn gar nicht, dass du selber einen Balken im Auge hast? Ein ganzer Balken im Auge – im medizinischen Sinn ist das sicher unmöglich. Aber ein Balken im Auge, wenn man Menschen einschätzt oder Zustände – gewissermaßen ein Brett vor dem Kopf – das kann schon sein.

Vorgefasste Meinungen: So sind sie nun mal, die Schwaben. Wusste ich doch gleich, der ist halt ein Badenser…  Haben Sie noch nie so gedacht?   Erfahrungen von früher, vielleicht längst überholt: Der war schon in der Schule so ein Vollpfosten, auf den kann man sich nicht verlassen. Gilt das wirklich heute noch? Oder das was angeblich alle sagen: Die Politiker belügen uns doch bloß und die Journalisten erst recht! Wirklich? Solche Vor-Urteile verstellen einem die Sicht auf die Welt. Sie verstellen mir den Blick auf die Menschen um mich herum.

Kann das sein? Jesus hat gemeint, das kann sein.
Mich macht das unruhig. Vielleicht habe ich so einen  Balken im Auge? So ein Brett vor dem Kopf? Und merke es gar nicht?  Ich will versuchen, auf das zu hören, was andere mir sagen. Vielleicht merke ich es dann.

 

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