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SWR3 Gedanken

„Warum mache ich das eigentlich?“ Die Frage stelle ich mir seit Stunden. Ich sitze auf der Bettkante eines acht-Bett-Zimmers. Die Tür geht auf. Gyri, ein junger Mann aus Ungarn stellt sich vor. Beim Abendessen unterhalten wir uns.

Auf einmal wird mir klar, was ich hier mache: Mich wie die andern auf das Abenteuer „Camino“ einlassen. 800 Kilometer zu Fuß. Für gut 30 Tage. Durch Spanien, nach Santiago de Compostela. Nur mit dem Rucksack.

Aus der ersten gemeinsamen Etappe mit Gyri am nächsten Morgen werden 28 weitere. Gyri und ich haben viel Zeit auf dem Weg; über Gott und die Welt zu reden oder einfach mal die Klappe zu halten. Wir singen uns Lieder in unseren Landessprachen vor und schreien einmal so laut wir können. Wir treffen viele nette Leute, die ein Stück mit uns gehen. Sie kommen aus Kroatien, Australien, den USA und Schweden. Wir kochen zusammen und lachen viel, erzählen uns schöne und traurige Geschichten. Tagsüber, beim Laufen, haben wir Zeit, die Landschaft zu genießen, über das Leben nachzusinnen oder einfach auch mal nichts zu denken.

Gyri hat in der Zeit oft gesagt: „Life is like Camino“ - das Leben ist wie dieser Weg hier: Leute kommen und gehen. Mal gibt es Umwege und schlechtes Wetter oder dir tut etwas weh, mal läuft es richtig gut und die Sonne scheint dir ins Gesicht. Es ist halt ein Abenteuer. Aber allein bist du eigentlich nie.

Als wir nach unserer Reise beide wieder einige Wochen zuhause sind – er in Ungarn, ich in Deutschland, schreibt Gyri mir folgendes: „Ich will ehrlich sein. Es ist hart für mich, wieder ins normale Leben zurückzukehren. Aber ich weiß, der eigentliche Weg beginnt jetzt, wo wir in unseren Alltag zurückkehren. Es ist nicht einfach zu vertrauen; vor allem in Gott, das Glück oder die Hilfe von oben. Aber ich finde, wir sollten es versuchen.“

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