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SWR3 Gedanken

Endlich sehe ich sie. Wie sie da steht, auf der anderen Straßenseite. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Dann breitet sie ihre Arme aus und rennt mir entgegen. Und ich lasse alles stehen und liegen und renne ihr entgegen. Und werfe mich in ihre Arme. Und sie sich in meine. Endlich. Wir haben uns. Und halten uns. Ganz fest. Was für ein Gefühl.

Amae – so nennen das die Japaner. Amae ist das Verlangen, sich in die Arme eines geliebten Menschen zu werfen, fest gehalten zu werden und nie mehr loslassen zu wollen. Die Menschen in Japan schätzen dieses Gefühl - und diese Geste. Und sie haben dafür ein eigenes Wort.

Bei uns ist wird das häufig nicht so offen gezeigt. Da gilt es eher, cool zu sein. Nicht so viel von sich zu zeigen. Schon gar keine Schwäche. Eine stürmische Schwäche für jemanden.

Dabei leben wir doch alle von diesem Gefühl. Leben auf. Geliebt sein. Angenommen sein, so wie man ist. Sich in die Arme eines geliebten Menschen werfen und gehalten werden. Selber die Arme ausbreiten und jemanden halten, was gibt es Schöneres? Amae nennen das die Japaner. Ich finde, wir sollten dafür auch ein Wort haben. Meine Tochter kann das noch. Und viele Kinder wie sie. Ich wünschte, sie verlernen es nicht. Und niemand treibt es ihnen aus.

In der Bibel gibt es die wunderbare Geschichte einer Umarmung. Zwischen einem Vater und seinem erwachsenen Sohn. Der hat sein ganzes Erbe durchgebracht, wollte hoch hinaus und ist ganz unten angekommen. Er sehnt sich nach seinem Vater. Dem Vater seiner Kindheit. Er sehnt sich so sehr, dass er alle Furcht , alle Scham vergisst. Nach Jahren des Schweigens und der Trennung rennt er seinem Vater entgegen. Und als sein Vater ihn sieht, lässt er alles stehen und liegen. Vergisst, was war. Läuft los. Und fällt seinem Sohn um den Hals. Und hält ihn. Ganz fest.

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