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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so alt werde!“ Das hat mein Vater zu mir gesagt. Im Juni wird er 90. Er freut sich sehr auf das Fest mit denen, die ihm in diesem langen Leben nahe gestanden sind – soweit sie noch leben und kommen können. Viele davon sind schon gestorben oder gebrechlich. 

Mein Vater spürt die Beschwernisse des Alters auch. Der Kopf ist noch klar, aber die Knochen werden immer steifer, und die Kräfte lassen insgesamt nach. Im Haus täppelt er in kleinen Schritten, draußen geht es nur noch mit dem Rolator. Der Lebensradius ist nach und nach kleiner geworden. Bis vor fünf Jahren ist er noch Auto gefahren. Mit Hingabe hat er immer in seinem Garten Gemüse und Salat angebaut – auch das kann er seit zwei Jahren nicht mehr. 

Aber mein Vater ist nicht unzufrieden; er hat sich noch nie beklagt. Das Altwerden ist für ihn durchaus eine Herausforderung, aber er hat sich darauf eingestellt, und deshalb bewältigt er es gut. Drei Einstellungen sind dafür besonders hilfreich. 

Die erste: Er freut sich an allem, was noch geht, und kann das genießen. Das Essen schmeckt ihm. Er sitzt gerne in seinem Sessel vor dem knisternden Kaminfeuer oder draußen auf der Terrasse. Er hält per Telefon den Kontakt mit Verwandten und freut sich, wenn Besuch da ist. Und er genießt es, wenn abends meine Schwester kommt, beim Zubettgehen hilft und ihm einen Gutenachtkuss gibt. 

Das Zweite, was ihm gut tut: Er hat gelernt loszulassen. Mit dem Abschied aus dem Berufsleben hat er auch seine Ehrenämter im Dorf aufgegeben. Er war jahrzehntelang hoch engagiert – und hat dann ganz bewusst den Hebel rumgelegt: „Meine Verantwortung dafür ist jetzt zu Ende, ich gebe sie ab“. Er hat seinen Lebensinhalt im Alter umgebaut. Und weil er loslassen konnte, hat er auch den Tod seiner Frau, unserer Mutter, vor neun Jahren gut verkraftet. 

Und dabei zeigt sich schon das Dritte: Sein Glaube hilft meinem Vater, das Alter gut zu bestehen. Loslassen bedeutet für ihn, sich in die Hände Gottes fallen zu lassen. Jeden Abend das Leben in Gottes Hand zu legen – das ist die beste Vorbereitung auf das letzte, große Loslassen im Tod. 

So möchte ich auch einmal alt werden.

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