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SWR2 Wort zum Tag

Es ist Karwoche. Christen denken an den Leidensweg Jesu. Sie feiern in den Passionsandachten das Abendmahl, die Eucharistie. Ein Stück Brot empfangen sie und hören die Worte: Christi Leib – für dich gegeben.
Einen Schluck Wein bekommen sie: Christi Blut – für dich vergossen. Dies geschieht in Erinnerung an ein Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend seines Todes gefeiert hat.

„Dass einer sein Blut für mich vergießt, finde ich unerträglich“, sagte mir jemand.
Eine abstoßende Vorstellung, für mich unvereinbar mit dem Glauben an einen liebenden Gott. Was ist das für ein Gott, dem man ein Menschenleben opfern muss, der Blut sehen will, damit die Schuld der Menschen gesühnt wird. Satisfaktion, Genugtuung, wie bei einem Duell. Die Christen sollten sich davon verabschieden.“
Ich glaube, dass hier ein Missverständnis vorliegt.

Sühne heißt: Jesus stirbt am Kreuz, damit Schuld gesühnt und vergeben wird. Und das ist zunächst nur eine von mehreren Deutungen des Todes Jesu in der Bibel. Der Sühnegedanke entstammt dem Opferkult, wie er im Alten Testament beschrieben wird. Da wurde ein Tier geschlachtet, und das Blut dieses Tieres wurde vom Priester im Heiligtum versprengt. Das jedoch nicht, um eine rachsüchtige Gottheit zu beruhigen. Im Gegenteil: Nicht Menschen tun etwas für Gott, sondern Gott schenkt sich dem Menschen. Denn nach jüdischer Vorstellung ist im Blut der Sitz des Lebens. Das Leben des Tieres wird in Verbindung mit Gott gebracht, symbolisch, stellvertretend für das Leben des Menschen. Dadurch wird der Mensch gereinigt, das Heilige, die Gottheit macht das Unheilige, nämlich den Menschen im kultischen Sinne „rein“.

Ich finde diese Deutung des Todes Jesu wichtig. Sie ist diejenige, die die größte Nähe zwischen Mensch und Gott zu denken erlaubt. Gott lässt mich teilhaben an seiner göttlichen Fülle. Drastisch ist das dargestellt auf Altarbildern der Lutherzeit: Aus der Seitenwunde des Gekreuzigten fließt ein Blutstrahl direkt in den Kelch, den jemand darunter hält – oft ist es der Maler selbst. Für mich heißt das: Kraft, Hoffnung, Ermutigung – der Kelch ist mit allem gefüllt, was dem Leben dient.

Kein Gott also, der Opfer fordert. Ein Gott vielmehr, der auch sich selber schenkt. „Am Kreuz war Gott in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst“, heißt es bei Paulus. Christi Blut, für dich vergossen. Nicht, damit ein Gott zufrieden ist, sondern damit mir und vielen anderen geholfen wird.

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