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SWR2 Wort zum Tag

Es ist Lutherjahr. Jede Menge Bücher kommen heraus. Da ist Luther, der nette Mensch, weichgezeichnet auf bunten Konterfeis. „Lasst uns froh und Luther sein“, spottete die FAZ. Da ist aber auch der böse Luther, der Brandstifter, der Juden, Türken und Katholiken mit Schmähungen überzog und furchtbare Dinge sagte und schrieb.
Ich möchte an eine Frage des jungen Luther erinnern. Sie hat mich selber schon beschäftigt und ich glaube, dass sie für viele Menschen drängend ist. Es ist die Frage nach dem gnädigen Gott, und damit die Frage nach Gott überhaupt.
Gibt es Gott? Und wenn: Kennt er mich? Sieht er meine Sorgen? Oder ist Gott eine bösartige Macht, die ihre Spielchen mit mir spielt?

Luther empfand das so, er zweifelte an der Güte Gottes und damit an der Existenz eines Gottes überhaupt. Gott ist nicht gut, er ist ein hinterhältiges Monster, das mit Blitzen nach ihm wirft. So hat Luther im Rückblick sein Gefühl beschrieben. Und um dieses wütende Monster zu besänftigen, geht er ins Kloster, verzichtet auf die Karriere, quält sich mit Beichten und Fasten und alledem. Die Angst treibt ihn letztlich in eine tiefe Depression.

Am Anfang der Reformation steht ein Häuflein Elend. Und dieses Elend ist vielen überhaupt nicht fremd, mir auch nicht. „Ich habe Angst. Ich zweifle an einem gütigen Gott. Ich kenne das Gefühl, versagt zu haben und dafür bestraft zu werden.“

Sünde, nennt es die Bibel. Ein Riss, der durch die Existenz geht. Ich meine, das ist kein mittelalterliches Lebensgefühl, es ist ein Existential. Es gibt wohl kaum einen Menschen ohne diesen Riss, ohne die Erfahrung, vom Ursprung getrennt zu sein, das Leben zu verfehlen. Dazu muss man nicht an einen Gott glauben. Aber Gnade, die sucht und braucht jeder. Eine wirksame Geste der Zuwendung, ein Wort, das mich aufrichtet und mir Zuversicht schenkt. Luther suchte es in der Bibel, beim Studium des Neuen Testaments. Und dort fand er einen Gott, den er bis dahin nicht kannte. Einen Gott, der liebt, der schenkt, der für mich einsetzt.

Damit begann bei Martin Luther die Reformation. Mit der Entdeckung Gottes. Luther war ein Mensch seiner Zeit, er hatte gute und schlechte Eigenschaften, er hat gedeihlich gewirkt und Schaden angerichtet.Aber sein großes Thema heißt: Es gibt Gott, weil er mir gnädig ist. Gott steht auf meiner Seite, und deshalb kann ich an ihn glauben. Ich meine, darüber lohnt sich zu reden.

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