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SWR2 Wort zum Tag

Eigentlich ist es unglaublich. Die ursprünglich kirchliche Fastenzeit ist eine große „Erfolgsgeschichte“ geworden. Weit über die Kirchen hinaus. 60 % der Menschen wollen verzichten und so ihre Freiheit erproben. Mancher kommt dabei auch an die eigene Schmerzgrenze und übt seine Leidensfähigkeit.
An diesem Punkt rührt die Fastenzeit an etwas, was die Zeit vor Ostern für Christen auch ist: Passionszeit.

Christen erinnern sich und andere, dass Jesus von Nazareth eine sehr merkwürdige „Karriere“ hatte. Sein Leben nimmt zum Ende eine harte, sehr leidvolle Wendung. Anfangs ist Jesus der verehrte Heiler und Hoffnungsträger, am Ende der gefolterte und hingerichtete Sündenbock. Jesus erleidet die übelste Art Hinrichtung, die das römische Reich parat hatte: Kreuzigung.
Daran denken Christen. An diesen denkwürdigen Lebens- und Leidensweg.

Warum eigentlich? Was kann einem das geben? Wenn man die Zeit vor Ostern nicht nur als Fastenzeit erlebt, sondern auch als Passionszeit. Beides in ihr erlebt: Freiheit im Verzicht und Sensibilität für Leid.
Eine Antwort liegt für mich in einer kleinen Episode, die Lukas in der Bibel erzählt. Sie hat mich oft berührt und tut es bis heute.

Als Jesus sich der Stadt näherte, erzählt Lukas, und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie: „Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“(Lukas 19,41f)

Lange Zeit haben Christen diese kurze Episode ganz antijüdisch gelesen. Als ob Jesus über das Judentum als Religion weinen würde, das ihn verkennt. Schlimm diese christliche Überheblichkeit. Mir sagt der weinende Jesus etwas ganz anderes. Jesus weint, weil seine Stadt, diese Welt so abgründig friedlos ist. So unfähig und unwillig zum Frieden. Nicht nur Jerusalem damals, wir bis heute.

Und ich finde damit zwingt und ermutigt er uns, hinzusehen auf die Friedlosigkeit in mir und um uns. Jesus nimmt sie nicht ungerührt als gegeben hin. Er spürt wie widersinnig sie ist. Er leidet darunter und er leidet mit den Menschen Jerusalems. Den Menschen aller Zeiten. Weil sie Opfer sind von Unfrieden und oft zugleich auch Täter.

Die Passionszeit ist dazu da, sich neben Jesus zu stellen und hinzuschauen, wo Menschen leiden. Müssten uns angesichts der Friedlosigkeit unserer Welt nicht auch die Tränen kommen. Und auch, wenn wir selber friedlos sind. Vor Scham. So erlebt, könnte mich die Passionszeit poröser machen, für Not und Leid anderer. Vielleicht auch kämpferischer dagegen. Eines jedenfalls nicht: Sich dickhäutig gewöhnen. Dann besser weinen.

 

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