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SWR3 Gedanken

Was für ein Zauber steckt doch im Leben. Am Anfang und am Ende wird das besonders sichtbar.
Meine Kollegin und ihr Freund haben vor kurzem ihr erstes Kind bekommen. Die beiden erleben gerade einen tiefen Einschnitt in ihr bisheriges Leben. Sie erleben, was so ein kleines Lebewesen gibt, aber auch fordert. Jeden Tag erleben sie ein neues Wunder. Da meldet sich im wahrsten Sinn des Wortes das Leben. Manchmal schreit es, manchmal hat es Hunger, möchte getröstet werden, braucht die Nähe der vertrauten Personen. Auf dem Wohnzimmerteppich sehe ich die Spuren nächtlicher Aktionen: als das Kleine seine Dreimonatskoliken hatte - wie viele Runden haben die Eltern ihr kleines Bündel von Leben nachts auf dem Arm getragen und zu trösten versucht. Aber trotz Stress und durchwachten Nächten - es überwiegt die Freude über dieses kleine Wunder, über das Leben, dieses Kind.

Daran muss ich denken, wenn ich meinem Nachbarn begegne. Wie er alt wird und wie er sich ganz langsam von Dingen verabschiedet, die ihm früher wichtig waren. Auto fahren zum Beispiel. Erst kam die Entscheidung, keine langen Strecken mehr zu fahren, dann auch nicht mehr bei Dunkelheit. Schließlich nur noch, wenn es nicht anders ging. Und dann blieb sein Auto vor dem Haus stehen. Aber mein Nachbar jammert nicht. Jeden Tag macht er seinen Spaziergang und freut sich über die Vögel, die Blumen und die Nachbarskinder. Freut sich über das, was geht. Und lässt los, was nicht mehr geht..

Im Zauber des Lebensanfangs der Kleinen und im Zauber des Lebensendes meines Nachbarn erlebe ich so viel Leben, so viel Glück, so viel Wunder. Da ist ein Zauber, der alle Mühen und Belastungen wettmacht.

Vom Hüten und Achten von Geertje Bolle in: Junge.Kirche 3/16.

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