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SWR2 Wort zum Tag

„Die Wahrheit wird euch frei machen“. So steht es an der Fassade der Universität Freiburg – an dem Gebäude, in dem ich den größten Teil meines Studiums verbracht habe. Es ist ein Zitat aus dem achten Kapitel des Johannesevangeliums und stammt von Jesus, der sich später - im vierzehnten Kapitel - selbst als „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ bezeichnet.

An das Zitat an der Fassade, das Jesuswort, muss ich in diesen Tagen immer wieder denken, denn der Umgang mit der Wahrheit ist eine wackelige Angelegenheit geworden.

„Postfaktisch“ so nennt man nun die Art und Weise, wie im US-Präsidentschaftswahlkampf und in der Kampagne für den „Brexit“ in Großbritannien informiert wurde. Da wurden offensichtlich falsche Dinge einfach als Fakten hingestellt und wenn es notwendig wurde, auf öffentlichen Druck hin etwas wieder richtig zu stellen, konnte man ja immer noch darauf hoffen, dass es nicht alle mitbekommen. Ist die Lüge erst einmal in der Welt, entfaltet sie schon ihre gewünschte Wirkung, so das Kalkül. Kellyanne Conway, Beraterin des US-Präsidenten hat nicht nur den Begriff der „alternativen Fakten“ geprägt, sondern selbst ein perfides Beispiel für diese Technik geliefert: Um Einwanderer aus dem Irak zu diskreditieren erfand sie einfach ein Massaker in einer Stadt in Kentucky, das es nie gegeben hat. Nach dem öffentlichen Aufschrei, der darauf folgte, ruderte sie zwar zurück, aber man kann davon ausgehen, dass nicht wenige Leute dieses Zurückrudern dann nicht mehr wahrgenommen haben.

Die Gefahr besteht, dass wir einen öffentlichen Diskurs bekommen, in der nur noch die subjektive Wahr-nehmung zählt. Dadurch sollen wir maximal verunsichert und desorientiert werden. Je mehr dies gelingt, desto stärker sind Menschen dann bereit, das als Realität zu akzeptieren, was ihnen eingetrichtert werden soll – oder aber das, was sie ohnehin hören wollen.

Vor diesem Hintergrund wird das Jesus-Wort „die Wahrheit wird Euch freimachen“ besonders relevant und brisant. „Postfaktische Politik“ zielt darauf hin, dass wir nicht mehr frei sind, sondern von denen abhängig, die bestimmen wollen, was unsere Meinung sein soll und woran wir glauben sollen.

Die Botschaft des Evangeliums möchte dies korrigieren: Es gibt sie, die Wahrheit und auch wenn sie nicht immer eindeutig sein mag, es ist unsere Pflicht und Aufgabe, nach ihr zu suchen und ernst zu nehmen, dass es auch Lügen gibt nicht etwa „alternative Fakten“.

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