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SWR1 Begegnungen

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Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntagmorgen, ich bin Roland Spur von der Evangelischen Kirche. Stellen Sie sich vor, der Staat garantiert jedem Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen, von dem er gesichert leben kann. Gesetzlich festgelegt. Für alle gleich. Keine Gegenleistung muss erbracht werden.
Paradiesisch?
Heute möchte ich Ihnen Esther Kuhn-Luz vorstellen. Sie ist Pfarrerin und Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Und so ist sie mit verantwortlich für eine große Tagung über das »Bedingungslose Grundeinkommen«.

Das mit dem „Bedingungslos“, das gefällt mir wirklich gut. Nicht nur: mit Schweiß sollst Du Dein Brot verdienen. Sondern eben auch das kreative Arbeitsverständnis der Bibel da drin auftaucht: „...bebauen und zu bewahren“.

In der Evangelischen Landeskirche Württemberg gibt es neben den „normalen Gemeindepfarrern“ auch andere, besondere Pfarrer und Pfarrerinnen, mit ganz anders gearteten Aufgaben. Esther Kuhn-Luz ist so eine „Sonderpfarrerin“. Organisatorisch ist sie in der Akademie Bad Boll angesiedelt, sie lebt mit ihrem Mann, einem Studienrat für Geschichte und Religion in Herrenberg, und hat ihr Büro im Stuttgarter Osten, in der Kniebisstraße. Dort hat Roland Spur Esther Kuhn-Luz in dieser Woche besucht.

Einen Porsche zu fahren ist für viele ein Traum. Und wie geht es denen, die diese Autos zusammenschrauben? Unter welchen Bedingungen müssen sie arbeiten? Damit das Gemeindepfarrer aus dem Stuttgarter Norden konkret erfahren können, hat Esther Kuhn-Luz für sie einen Betriebsbesuch bei Porsche in Zuffenhausen organisiert. Das gehört nämlich zu ihren besonderen Aufgaben als Pfarrerin. Und wie nennt sie sich eigentlich, habe ich sie gefragt.

Meine Bezeichnung lautet: Wirtschafts- und Sozialpfarrerin im kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt an der Evangelischen Akademie Bad Boll.


„Die Kirche und die Arbeitswelt“ – Moment, so klingt das ja nach zwei verschiedenen, nach zwei fremden Bereichen!

Das ist natürlich ein bisschen gemein, so zu tun, als würde man in der Kirche nicht arbeiten! Da geht’s vor allem da drum, die Arbeitswelt außerhalb der Kirche wahrzunehmen. Also eine meine Aufgaben besteht darin, Betriebe zu besuchen, Kontakte zu knüpfen zu den Betriebsräten, aber auch zu Personalmanagement, Kontakte zu knüpfen zu Gewerkschaftlern zur IHK, aber eben auch zu Arbeitslosenzentren.

Zuhören, wahrnehmen, verstehen, lernen – das ist verständlich. Und sie kann die Themen, die sie in den verschiedenen Gesprächen mitbekommt, dann auch in die Kirche mit reinnehmen, sagt sie mir. Ihre Arbeit habe eine Brückenfunktion. Und – bildlich gesprochen: auf dieser Brücke kann es keinen „Einbahnverkehr“ geben.

Unsere Arbeit orientiert sich natürlich auch an Jesus, sonst würden wir das so auch nicht machen. Und zwar wenn Jesus sagt: „Ich bin gekommen, den Armen das Evangelium zu verkünden“, dann sind wir in der Arbeitswelt vor allem an die Menschen gewiesen, die in irgendeiner Weise zu den Ausgegrenzten und Armen gehören. Das sind oft Leute, die auf der Kippe stehen, arbeitslos zu werden. Das kann aber manchmal auch jemand sein als Manager, der überfordert ist von all diesen vielen, vielen Anforderungen, die es auch auf dieser Ebene ja in immenser Weise gibt. Das kann jemand sein, der zum Mobbingopfer wurde. Das kann eine Betriebsrätin sein, wie wir’s im Konflikt in Ludwigsburg hatten, die auf übelste Weise durch Mobbing ihre Funktion als Betriebsrätin verlieren soll.


Als Seelsorgerin ist sie da gefragt. Doch Seelsorge ist nicht alles. Esther Kuhn-Luz macht auch Bildungsarbeit: sie setzt Themen wie: »Eine Ökonomie des Genug«, »Zukunftsfähiger Sozialstaat«, und lädt jetzt ein zu: »Bedingungsloses Grundeinkommen« Wie ist sie denn auf die Idee gekommen?

Das »bedingungsloses Grundeinkommen« als Idee gibt es eigentlich schon seit über 30, 40 Jahren, und zwar von der linken Seite, von André Gorz, als auch von der eher wirtschaftsliberalen Seite wie Milton Friedman. Jetzt aber in unsrer Zeit bekommt dieses Thema des bedingungslosen Grundeinkommens plötzlich eine ganz große Bedeutung, denn es wird von ganz prominenter Seite vorgetragen.

Während in dieser Woche sich SPD-Politiker über eine Verlängerung der Zahlung/die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I streiten – das sei ein Gebot der Gerechtigkeit. Nein, heißt es andererseits, das zerstöre das Hartz-IV- Reformprogramm! – und eine Wochenzeitung mit einer großen HARTZ IV Todesanzeige titelt! – , wird von verschiedenen Leuten über einen ganz anderen Ansatz nachgedacht, ein wesentlich grundsätzlicheres Konzept: das bedingungslose Grundeinkommen. Als Rechtsanspruch, nach der Schule bis ins Alter, für alle. Dazu wird es in Stuttgart eine Tagung geben, hochkarätig besetzt, und ökumenisch verantwortet. Auch von der evangelische Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz . Roland Spur ist ihr begegnet.

Beim Modell des bedingungslosen Grundeinkommens kommt mir das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg in den Sinn. Da werden morgens Erntearbeiter eingestellt, dann mittags, nachmittags, und am frühen Abend. Bei denen beginnt dann die Auszahlung. Die haben zwar bloß eine Stunde gearbeitet, bekommen aber den vollen Tageslohn, wie alle anderen auch. Die Arbeitswelt in Jesu anstößigem Gleichnis vom Reich Gottes. „Dein Reich komme“: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Geht es darum? Ja, meint Esther Kuhn-Luz.

Jeder Mensch braucht ein Einkommen, um existieren zu können. Aber in unsrer hoch technisierten Gesellschaft gibt es einfach nicht mehr genügen Arbeitsplätze. Und deshalb müssen wir das einfach trennen. Jeder Mensch braucht ein Einkommen, aber nicht jeder Mensch kann mehr einen Arbeitsplatz haben.

„Bedingungsloses Grundeinkommen“, wer das neu hört, denkt sich vielleicht, paradiesische Zustände! Unbezahlbar! Doch das stimmt so nicht. Bei uns werden an Sozialleistungen über 700 Milliarden Euro ausgegeben, und da sind die ganzen Verwaltungskosten noch gar nicht mal mit eingerechnet. Bei einem dieser Modelle – „Solidarisches Bürgergeld“ – (Dieter Althaus, Thüringen) entstünden dem Staat sogar 150 Milliarden Euro weniger pro Jahr, wäre also günstiger als das heutige System. Über bedingungsloses Grundeinkommen lohnt es sich nachzudenken. Aber wieso eigentlich auf einer kirchlichen Tagung? Und: Was ist daran evangelisch?

Evangelisch deswegen, weil ja nun über die Rechtfertigung – da sind wir bei dem Stichwort »bedingungslos« – die Anerkennung nicht über die Arbeit geht, sondern die Anerkennung „aus Gnade allein“ (sola gratia), ja also: wir sind anerkannt als Menschen! Und weil wir anerkannt sind von Gott her, können wir etwas tun.

Ich verstehe: Dieser völlig andere Blick! Menschen mit anderen Augen sehen. Sie werden nicht mehr als Versager, als Loser und Drückeberger behandelt, sie kommen sich nicht mehr als überflüssige Menschen vor. Sie müssen sich nicht mehr schämen, gedemütigt, sondern können mit einem ordentlichen Grundeinkommen entfalten, was an Kreativität in ihnen steckt. Immer weiter! Da hat man Lust, sich einzubringen! Wo ich gebraucht werde, bekomme ich Anerkennung, ich kann was aus meinem Leben machen, es bekommt einen neuen Sinn. Und das Geld hat...

Das Geld hat nicht die Aufgabe, „Gott“ zu spielen. Genau!

Klingt verlockend, ist auch nicht aus dieser Welt. Den Menschen aus der Perspektive Gottes sehen lernen. Ihm seine Würde lassen. Bedingungslos. Und dafür gibt’s ja auch Erfahrungen, wie Anerkennung und Vertrauen bei der Arbeit sich positiv auswirken! Wie Verantwortung wächst! Das bedingungslose Grundeinkommen: Allheilmittel oder Sozialstaatsutopie? Sieht sie selbst an diesen Modellen ’was Kritisches, habe ich Esther Kuhn-Luz gefragt, und kann sie’s auf eine Formel bringen?

Es gibt einen etwas zynischer Ausspruch: „Gebt den Armen doch das Grundeinkommen, damit wir Reichen in Ruhe reich sein können.“

Ein Ende an solidarischer Verantwortung, und letztlich würde das Soziale aus der Politik verbannt. Aber ihr geht es um den zukunftsfähigen Sozialstaat. Darum so grundsätzlich werden, so innovative Modelle, mit dem Ziel der gerechten Teilhabe.

Ich bin eine, die ganz, ganz wichtig findet, dass man darüber heftig diskutiert. Weil man nicht sagen kann, nur das eine oder das andere ist richtig. Ich möchte Thüringens Ministerpräsident Althaus zitieren, der sagt. „Das solidarische Bürgergeld ist ein Trampolin zum Mitmachen, kein bequemes Sofa zum Faulenzen.“https://www.kirche-im-swr.de/?m=2354