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SWR2 Wort zum Tag

„Die Menschen lügen. Alle“ — Diesen Titel hat Arnold Stadler seiner Übertragung einer Auswahl von Psalmen ins Deutsche vor bald 20 Jahren gegeben. Ein erstaunlich moderner Titel! Hören wir heute nicht allzu oft, dass die Menschen lügen? Mit dem Unterschied, dass es immer die anderen sind, die beschuldigt werden. Also lügen nicht alle. Ich selber bin ausgenommen sowie die Gruppe, die meine Meinung vertritt. Und diejenigen, die wir der Lüge bezichtigen, sagen ihrerseits von uns, dass wir lügen — sie hingegen nicht.

Meinung steht gegen Meinung. Was in dem Streit entscheidet, scheinen immer weniger die Tatsachen zu sein. Stattdessen ist es die Häufigkeit, mit der eine Meinung vertreten wird. Anscheinend geht es nicht mehr darum, Lügen aufzudecken, sondern es geht darum, den eigenen Ansichten möglichst schnell ein möglichst großes Echo zu verschaffen, ohne erst zu prüfen, ob die Wirklichkeit die geäußerten Meinungen bestätigt oder nicht. Ob Lügen verbreitet werden, scheint unerheblich zu sein. „Die Menschen lügen. Alle“.

Aber doch nicht immer! Es gibt nach wie vor die Ebene persönlicher Beziehungen, in denen die Lüge einen Vertrauensbruch darstellt. Gleich, ob es die Lüge eines Kindes aus Angst oder Scham ist oder die Lüge eines Erwachsenen, der betrügt. Vertrauen wird beschädigt. Und vielleicht kann der Schaden wieder gut gemacht werden. Oder das Vertrauen schwindet, und eine Beziehung geht in die Brüche.

Wie sieht das im öffentlichen Raum, in unserer Gesellschaft aus? Wo Meinungen sich durch die Häufigkeit durchsetzen, mit der sie im Internet angeklickt werden, geht es darum, einer Mehrheit zuzustimmen und zu einer möglichst großen Zahl von Gleichgesinnten zu gehören. Eine solche Zugehörigkeit vermittelt das Gefühl, stark und unangreifbar, unschlagbar zu sein.

Vertrauen zu schenken, ist jedoch immer ein Risiko. Ich vertraue einem Menschen und gebe damit der Beziehung, die uns verbindet, den Vorrang. Mit dieser Entscheidung bin ich zunächst allein. Das macht das Vertrauen verletzbar. Ich kann mich nicht auf die Mehrheit berufen. Damit haftet dem Vertrauen immer eine Schwäche, etwas Angreifbares an.

„Die Menschen lügen. Alle“. Das ist die Klage eines Beters, der dafür wirbt, zum Vertrauen zurückzukehren. Denn ein Volk ohne Vertrauen hat keine Zukunft.

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