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SWR2 Wort zum Tag

Schonungslos spricht die Bibel von der Vergänglichkeit des Lebens. So der Psalm 39. Da klagt ein Beter: „Nur ein Hauch ist der Mensch. Nur als Schatten geht er einher.“ Wer beim Lesen innehält, dem kommen Fragen: Ich habe versucht, mein Bestes zu geben, aber ich kann nichts festhalten. Was ein Mensch zustande bringt — wo wird es bleiben? Wer wird bewahren, was ich hinterlasse? Was wird daraus? Ist alles vergeblich? Gibt es einen, der die Bruchstücke meines Lebens zu einem Ganzen fügt, der das Unvollendete vollendet, dem Unansehnlichen eine Gestalt gibt, dem Vorübergehenden Bestand, dem Vergänglichen Unvergänglichkeit?

Dass die Bibel solche Fragen weckt, ist erstaunlich. Fragen zu stellen, dient ja normalerweise dazu, Antworten zu finden. Auf die von den biblischen Betern geweckten Fragen gibt es aber offensichtlich keine Antworten. Solche Fragen zu stellen scheint also müßig zu sein. Es führt nicht weiter.

Aber sie existieren, diese Fragen. Wenn auch im Geheimen, wenn Menschen allein mit sich selber sind: Wenn sie vom Tod eines Freundes hören, wenn sie von ihrer unheilbaren Erkrankung erfahren, wenn eine wichtige Beziehung in ihrem Leben zerbricht. Dann ist jeder allein mit seinen Fragen. Deswegen ist es so wichtig, dass sie einen Ort haben. Inmitten der lauten Stimmen einer Öffentlichkeit, die ständig Antworten verlangen, sind die Gebete der Bibel wie ein schweigender Ort für Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

Aber auch die Fragen des öffentlichen Lebens, deren Beantwortung so dringend verlangt wird, brauchen Zeit und einen Raum des Nachdenkens. Ihre gute Beantwortung braucht den Mut zur Geduld. Dafür halten die existentiellen Fragen der Bibel den Raum offen.

Und nun zeigt sich, dass die Psalmen doch eine Antwort geben! Sie antworten in Gestalt einer Bitte: Höre mein Beten und Flehen, meinen Schrei! Bleib nicht taub für mein Klagen. Wende deinen Blick mir zu!

Was sind das für Antworten? Was für eine Antwort ist die Bitte an einen anderen? Es ist die Antwort des Vertrauens. Ich vertraue einem anderen, dass er – oder sie - meine Fragen beantworten wird, auch wenn ich in meinem Leben diese Antworten nicht kenne.

 

 

 

 

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