Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Schon mein ganzes Leben tanze ich wahnsinnig gerne. Früher habe ich mich als Kind im Keller eingeschlossen, damit keiner meiner Brüder mich damit ärgern kann, wie die Bewegungen aussehen. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass es beim Tanzen um mehr geht,  als nur ein bestimmtes Ideal zu erfüllen.

Als ich angefangen habe, Musik und Bewegung zu studieren, ist mir klar geworden: mit dem Tanzen kann ich etwas ausdrücken, wie mit einer Sprache – nur mit dem Körper. Eine wichtige Rolle hat dabei meine Tanzdozentin gespielt. Ihre Trainingseinheiten waren etwas ganz anderes, als was ich bisher kannte. Im Vordergrund stand plötzlich nicht mehr durchhalten oder mich ständig verbessern zu müssen. Sie hat mich dazu gebracht, mit meinem Körper zusammenzuarbeiten.  Es ging nicht mehr darum, dass das Bein höher oder die Bewegung schneller sein sollte, sondern es ging darum, neugierig zu sein und den Impulsen des Körpers zu folgen. Wie kann ich die Bewegung so ändern, dass sie mich nicht anstrengt, sondern sogar erfrischt, je länger ich ihr folge?

Zum ersten Mal habe ich Trainingszeiten nicht als Turnübungen erlebt, sondern als Tanz.

Diese neue Art zu tanzen, hat mich viel für mein Leben und für meinen Glauben gelehrt. Es tut mir zum Beispiel gut, spielerisch an Aufgaben heranzugehen. Ich frage dann nicht, was ich alles noch tun sollte. Im Vordergrund steht: „Wie kann ich mich so mit einer Aufgabe verbinden, dass sie mich nicht belastet, sondern bereichert?“

Diese Erfahrung findet sich in einem wunderbaren Gedicht von Madeleine Delbrêl, aus welchem ich zitieren möchte:

„Um gut tanzen zu können,

braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt.

Man darf nicht um jeden Preis vorwärts kommen wollen.

Manchmal muss man sich drehen oder seitwärts gehen.

Und man muss auch innehalten können -

oder gleiten, anstatt zu marschieren.

Und das alles wären ganz sinnlose Schritte,

wenn die Musik nicht eine Harmonie daraus machte.

Wir aber, wir vergessen so oft die Musik Deines Geistes.

Wir haben aus unserem Leben eine Turnübung gemacht.

Wir vergessen, dass es in Deinen Armen getanzt sein will,

dass Dein heiliger Wille von unerschöpflicher Phantasie ist.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23452