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SWR2 Wort zum Tag

Diese Tage gleich nach Weihnachten haben ihren besonderen Reiz. Alles wird wieder ruhiger, die meisten Besuche sind  abgereist, der Alltag hat einen schon wieder – und doch klingen  Gespräche und  Eindrücke nach, und sicher auch manch ein  Weihnachtslied, z.B.: „Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben“. Wohl kaum ein anderes atmet so  tief den Geist christlicher Mystik wie dies von Paul Gerhardt in der Vertonung Bachs. Besonders Meister Eckhart hat das Erwachen des Christenmenschen gerne mit der Gottesgeburt in der Seele beschrieben. Nicht die Puppe in der Krippe, nicht die Imagination des Kindes in Betlehem, nein, das göttliche Kind in mir steht im Zentrum: die Krippe mit dem Kind, das bin ich selbst. Der, der ich in Wahrheit bin, soll endlich das Licht der Welt erblicken und  seine Lebensgestalt  finden. Weg also mit dem, was nicht zu mir gehört  - und jenem Hoffnungsstern nach, der immer schon den Weg zeigt zum Ort der Gottesgeburt in mir. „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren / und hast mich dir zu eigen gar, / eh ich dich kannt, erkoren. / Eh ich durch deine Hand gemacht, / da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ So sehr ist jeder Mensch gewollt und erwünscht. Er ist kein Blindgänger der Geschichte, kein Zufall oder Abfall  der Evolution,  in jedem Menschenleben ist vielmehr  eine  zärtliche Schöpferphantasie am Werk. 

Mag sein, dass diese Perspektive im Trubel der Feiertage gar nicht so zur Geltung und zu Bewusstsein kam. Umso kostbarer sind diese Tage weihnachtlichen Nachklangs, um der Mitte des Festes nachzuspüren. Das Lied von der göttlichen Geburt zum wahren menschlichen Leben ist voller Jesus-Innigkeit. Da ist unendlich viel Freude darüber, dass dieser Jesus von Nazaret die eigene Geschichte prägt. In ihm begegnen  wir  dem lebendigen Gott  - und uns selbst. Deshalb ist die letzte Strophe des Liedes nicht nur eine Liebeserklärung an Jesus und seinen Gott. Es ist zugleich ein Liebesgedicht auf den wahren Menschen in uns selbst. Selig und wie erschrocken sieht der glaubende Mensch im Bilde Jesu sein wahres Ich, nicht als Kopie, sondern als Original. “Ich sehe dich mit Freuden an / und kann mich nicht satt sehen; / und weil ich nun nichts weiter kann, / bleib ich anbetend stehe./ O dass mein Sinn ein Abgrund wär / und meine Seel eine weites Meer, / dass ich dich möchte fassen.“ (Gotteslob 256)

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