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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wer sich an Regeln hält, lebt freier. Bei meiner Hündin Heidi ist das so. Wenn man sie ruft, kommt sie, wenn sie Fuß laufen soll, dann tut sie das. Deshalb darf sie ohne Leine spazieren laufen. Ich brauche keine Angst zu haben, dass sie einen Jogger belästigt oder sich mit anderen Hunden streitet oder abhaut. Im Fall der Fälle kann ich sie immer abrufen. Sie hält sich an die Regeln. Deshalb darf sie frei herumspringen und genießt ihre Freiheit sehr.

Zugegeben, meine Frau und ich haben mit Heidi diese Regeln eingeübt. Mit Menschen kann und soll man das natürlich nicht so machen wie mit einem Hund. Aber ich glaube: Auch Menschen leben freier, wenn sie sich an Regeln halten. Im Straßenverkehr zum Beispiel. Da fahre ich auf der Autobahn doch viel stressfreier, wenn ich möglichst rechts fahre und mich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halte. Wer rast, drängelt, Lichthupe gibt und rechts überholt, fährt wesentlich unentspannter. Und Konflikte mit anderen Autofahrern sind vorprogrammiert.

Zu den bekanntesten Regeln für Menschen zählen sicher die Zehn Gebote aus der Bibel. Der Theologe Ernst Lange hat sie einmal die „Zehn großen Freiheiten“ genannt. Er wollte damit sagen: Viele Menschen denken, dass Gottes Gebote ihre Freiheit einschränken – mit diesem „Du sollst“ und „Du sollst nicht“. Aber Gott hat den Menschen die Zehn Gebote gegeben, damit sie frei werden und frei belieben. Um das zu zeigen, hat Ernst Lange die Gebote umformuliert. Aus „Du sollst“ und „Du sollst nicht“ hat er „Du brauchst nicht“ gemacht.

Statt „Du sollst den Feiertag heiligen“, heißt es da zum Beispiel: „Du brauchst dich nicht zu Tode hetzen! Weder durch pausenloses Arbeiten, noch durch eine pausenlose Vergnügungsjagd, weder durch Sorgen, […] noch durch die Angst, du könntest etwas versäumen. Das […] nimmt dir alle Lebensfreude“. Oder statt „Du sollst nicht begehren“, formuliert Ernst Lange: „Du brauchst nicht neidisch zu sein! Weder auf den Besitz der anderen, noch auf das Können der anderen, […] noch auf den Erfolg der anderen. Der Neid [,,,] nimmt dir die Freude am Eigenen.“

Ich finde, Ernst Lange hat Recht. Gott geht es mit seinen Regeln nicht, darum meine Freiheit einzuschränken, sondern darum, dass ich nicht gefangen genommen werde, vom Neid auf andere, vom Stress oder von anderen Dingen. Seine Regeln sind Ratschläge, wie ich meine Freiheit behalten kann. Und die Freude am Leben.

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