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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Offene Menschen finde ich sympathisch. Wer sagt, was er denkt. Wer ehrlich ist. Wer auch mal über eigene Schwächen oder Missgeschicke reden kann und über sich selbst lachen. – Bei so jemand fühle ich mich in guter Gesellschaft. 

Aber Offenheit macht auch angreifbar. Wenn man beispielsweise offen erzählt, dass es einem schwerfällt, regelmäßig Sport zu treiben, kann es passieren, dass der andere so antwortet: „Echt jetzt? Ne, du, ich jogge fünf Mal die Woche. Ich hab kein Problem mit Selbstdisziplin“. Und man steht da, wie ein begossener Pudel.

Wer so etwas erlebt hat, der überlegt es sich zweimal, ob er das nächste Mal auch wieder offen ist. Trotz solcher Erfahrungen offen zu bleiben, dazu ermutigt die Bibel: „Werft euer Vertrauen nicht weg“, rät der Verfasser des Hebräerbriefes. Das griechische Wort, das Luther mit „Vertrauen“ übersetzt hat, heißt wörtlich Offenheit. Also: „Werft eure Offenheit nicht weg, denn, sie wird reich belohnt werden“ (Hebräer 10,35).

Wie wird Offenheit belohnt? Ich glaube, beispielsweise mit einem guten Gewissen, mit dem guten Gefühl, ehrlich gewesen zu sein. Belohnt wird Offenheit auch oft mit guten Gesprächen. Weil der andere dann vielleicht auch erzählt, was bei ihm nicht so gut läuft und woran er zu knabbern hat. Und man geht danach mit dem guten Gefühl nachhause: Ich bin nicht allein mit meinen Schwächen.

Sicher, man muss sich auch von Fall zu Fall überlegen, wie offen man sein will. Und wem gegenüber. Ich muss mich nicht Menschen öffnen, von denen ich schon weiß, dass sie mich auflaufen lassen. Auch wer offen ist, darf sich schützen. Aber ich finde, eine grundsätzliche Offenheit ist gut für mich und für andere.

Offenheit meint in der Bibel auch die Offenheit Gott gegenüber. Vor Gott kann ich ganz offen sein. Bei ihm brauche ich keine Angst zu haben, dass er das, was ich ihm sage, gegen mich verwendet. Ihm kann ich auch meine Schwächen, Fehler und Missgeschicke anvertrauen, er verurteilt mich nicht dafür. Im Gegenteil: Er akzeptiert mich trotzdem und steht zu mir.

Ich glaube, wenn ich mir das bewusstmache, dann fällt es mir auch leichter, anderen gegenüber offen zu sein. Ich mache mich durch meine Offenheit zwar angreifbar. Aber wenn ich weiß, dass Gott zu mir steht, dann braucht mir das Urteil der anderen nicht mehr so wichtig zu sein. Der Apostel Paulus hat den Christen in Korinth einmal geschrieben: „Es hat für mich keinerlei Bedeutung, welches Urteil ihr über mich fällt. Entscheidend ist das Urteil, das Gott über mich spricht“ (1 Kor 4,3f nach Genfer Übersetzung). Paulus war ein sehr offener Mensch.

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