Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

„Freut euch mit den Fröhlichen – und weint mit den Weinenden!“ (Röm 12,15) Das schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom. Aber geht das überhaupt? Lachen und Weinen - auf Anordnung? Macht man sich da nicht etwas vor, wenn man meint: Das kann ich ehrlich umsetzen.

Dazu eine etwas bizarre Szene, die mir ein Licht aufgesetzt hat.
Konfirmation im vergangenen April. Die Jugendlichen - fesch gekleidet und frisiert –vor dem Gottesdienst zum Gruppenbild vor dem Altar. Alle sind angespannt.

Der Fotograf gibt sein Signal: „Bitte recht traurig!“  Eine spleenige Aufforderung. Doch nicht ohne Wirkung. Alle Lachen! Und es klickt. Ein gelungenes Foto. Verkehrte Welt – und doch sehr echt. Der Witz – die unerwartete Aufforderung macht´s. So wird das Lachen – weil nicht gestellt – lebensecht. Und darum geht es – denke ich – auch Paulus. Nicht um eine gekünstelte Gesichtsfassade: Lächeln, immerfort  Lächeln. Oder ein auf Trauer mimen. Sondern: „Freut euch mit den Fröhlichen – weint mit den Weinenden!“

Und das soll auch heißen: Lasst euch wirklich auf die Empfindungen der Anderen ein. Und das nicht nur oberflächlich.
Aber genau damit tue ich mich oft schwer. Mit Traurigen zu trauern.

Und manchmal ist mir auch gar nicht zum Lachen zumute, wenn Andere vor Freude platzen. Lachen und Weinen – wirklich mitempfinden - das geht eben nicht immer auf Knopfdruck – oder mit einer kurzen, witzigen Bemerkung. Empathie –  bei Anderen sein,  ihren Gefühlen Raum geben, sie wirklich mitempfinden, – das braucht richtig Zeit und Energie. Manche nennen es darum auch Arbeit. Und weil es eben nicht nur leicht fällt, darum braucht es wohl diese Ermahnung: „Freut euch mit den Fröhlichen – und weint mit den Weinenden!“.

Paulus ist wie ein Anwalt der Gefühle der Anderen. Wo Tränen im Raum sind, sie nicht übergehen. Auch nicht die überschwängliche Freude kaputt machen - als Spaßbremse auftreten  – nur weil mich selber Sorgen drücken. Darum geht es: Gefühle mitempfinden. Zulassen. Aushalten. Nicht wegwischen.

„Freut euch mit den Fröhlichen – und weint mit den Weinenden!“ Ich will mich auf das einlassen, was da ist – will nicht nur so nebenbei fragen:

Wie geht´s? Ich will wirklich nachfragen: Wo drückt der Schuh? – Was fällt heute  besonders schwer? Wie schön, dass sie so strahlen können!

Ich will Zuhören und an dem Anteil nehmen, wie es Anderen wirklich geht.
Auch wenn ich selber in einer anderen Stimmung bin. Ich weiß doch, wie mir das selber gut tut: Wenn Andere sich mit mir freuen - oder meine Sorgen mit mir teilen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23087