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SWR2 Wort zum Tag

»Was hinkt – geht.« Dieser Aphorismus von Stanislaw Lec geht mit mir. Immer wieder. Besonders an Tagen, wenn es nicht so läuft. Wenn es nur schleppend vorangeht. Ich muss dabei auch immer an den einen Hinkenden aus der Bibel denken. An Jakob. Vom ihm wird erzählt, er habe in der Nacht mit Gott und Menschen gekämpft. Und dabei einen Schlag abbekommen – auf die Hüfte. Nun – bei Anbruch des Tages –  sei er hinkend, schleppend unterwegs. Versehrt und doch gesegnet – und voller Angst vor dem Zorn seines Bruders zieht er weiter. »Was hinkt – geht.«

Diese Weisheit von Stanislaw Lec ist nah dran – am Leben – an meinem Leben. Wie viele Schläge muss man im Leben einstecken?! Wie viele Rückschläge?! Wie viele kleine und große Kämpfe hinterlassen Schrammen.

Bei den ganz Kleinen fängt es schon an – wenn sie stolpern – hinfallen – sich irgendwo anstoßen. Und sich dann wieder aufrappeln. Mit Blessuren. Und es wieder versuchen. Denn: Was hinkt – geht weiter!

Später in der Schule, in der Clique, beim Studium. Enttäuschungen in der Liebe, im Beruf - in der Familie. Immer wieder passiert es: Brüche, Verletzungen, Kratzer. Dann kommt es darauf an, nicht den Kopf in den Sand zu stecken: Was hinkt - geht.

Ich wünsche mir das für Jugendliche, die gemobbt werden. Die abgewiesen werden. Die ihr Ziel nicht gleich erreichen. Die denken: „Das haut mich um. Da geht gar nichts mehr.“ Dass sie dann etwas von dieser Weisheit erreicht: Was hinkt - geht.

Ich denke, das kann gelingen, wenn wir voreinander nicht verstecken, wo wir selber durchs Leben hinken. Wo die Schläge und ihre Spuren – die Kratzer und Sorgenfalten – nicht versteckt und zugekleistert werden. Ich finde, wir Älteren müssen den Jungen keine geglätteten Lebensgeschichten präsentieren. Und nicht nur vor uns her tragen, was alles geklappt hat und wo wir überall erfolgreich waren.
In der Bibel heißt es: Dem hinkenden Jakob ging die Sonne auf.

Für mich ist das eine Einladung – auch mein hinkendes Vorwärtskommen im Leben nicht zu verbergen. Man kann und darf es sehen. Das könnte anderen sogar ein Hilfe sein. Ich habe diese Erfahrung gemacht: Wo ich meine Macken nicht verheimliche, da trauen sich das andere auch. Da entsteht so etwas wie eine neue Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft derer, die nicht nur flott und geradlinig im Leben unterwegs sind. Und das sind gar nicht so wenige – die mit dieser Erfahrung leben:

Was hinkt - geht. Manchmal mache ich mir daraus eine Seligpreisung:
Selig, die Hinken und das nicht verstecken - sie werden weiter kommen.

Stanislaw Jerczy Lec, Unfrisierte Gedanken, München 1977

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