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SWR2 Wort zum Tag

„Ich habe nur ein Leben“. Ich muss mich also beeilen, das zu bekommen, was mir das Leben bietet. Ich muss versuchen, meine Ziele schneller und besser zu erreichen. Ich muss meine Lebenszeit ausschöpfen und alles tun, um ihre Grenzen hinauszuschieben. Keine Zeit darf müßig vertan werden. Was das Gelingen des Lebens unsicher macht, muss wenn irgend möglich vermieden werden. Wer den Satz „Ich habe nur ein Leben“ so versteht, setzt sich und andere unter Druck.

Es gibt aber auch eine andere Weise, diesen Satz zu verstehen. Sie nimmt uns im Grunde viel radikaler in die Pflicht. „Ich habe nur ein Leben“ heißt nämlich auch: Ich habe nur eine Chance, meiner einzigartigen Berufung treu zu sein. Einzigartige Berufung? Ja. Jeder Mensch hat eine Berufung und Begabung, der nur er, bzw. sie und kein anderer gerecht werden kann. Jeder, jede trägt mit seiner, mit ihrer einzigartigen Weise zu sein, zu handeln, zu empfinden, etwas unendlich Kostbares zum Ganzen der Weltwirklichkeit bei. „Ich habe nur ein Leben“ – dieser Satz erinnert mich also an meine Verantwortung, der einzigartigen Berufung treu zu sein, die nur ich empfangen habe und niemand an meiner Stelle.

Das wäre eine Last, wenn der, der uns ruft, diese einmalige Person zu sein, damit eine Forderung verbinden würde. Das Gegenteil ist aber der Fall. In der christlichen Vorstellung ist es Gott, der alles, was ist, und auch den Menschen ins Dasein ruft, der den Menschen beruft, ein Segen zu sein, und ihm von Anbeginn seinen Segen mitgibt. Der Schöpfer schaut das von ihm geschaffene Leben und ruft aus: „Wie gut! Wie schön!“ So gibt er auch dem Menschen von Anbeginn einen bedingungslos wohlwollenden Blick mit: das zum Leben ermächtigende Wort „Du kannst“, du kannst ein Segen sein.

Dieser segnende Ruf lässt sich im Alltag leicht überhören. Monate-, oder auch Jahre lang kann das Leben eines Menschen wie selbstverständlich seinen Gang gehen – vielleicht ohne besondere Höhepunkte, aber auch ohne ein Ereignis, das plötzlich erfahren lässt, wie brüchig das Leben ist. Eine Krankheit, eine Krise, das Scheitern einer Beziehung – und plötzlich steht uns das Ganze unseres Lebens vor Augen, und nicht nur der kleine Teil der alltäglichen Abläufe. In dieser Situation ist es ein Geschenk, diese Stimme zu hören, die in jedem Menschen wohnt, und ihm ein uneingeschränktes und bedingungsloses Wohlwollen ausdrückt.

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