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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich will das nicht und ich kann das nicht.“ Tante Hannah aus Dortmund ist zu Besuch. Und jetzt ist sie bei uns krank geworden. „Aber ich will doch gar nichts von dir, versuche ich sie zu beruhigen. Ich habe doch nur gefragt, ob du was brauchst. Ich gehe nämlich jetzt einkaufen.“

„Ich will nicht, dass du mir was mitbringst.“
„Aber warum denn nicht?“
„Ich will keine Hilfe annehmen. Ich will das selber können.“

Jetzt verstehe ich langsam. Hier geht es um Stolz. Nicht um den Arm. Tante Hannah hat nämlich Probleme mit ihrem Arm. Sie kann ihn nicht heben. Und sie will nicht zum Arzt gehen. Sie sitzt in der Küche und jammert und ärgert sich, weil sie nicht mehr allein einkaufen gehen kann.

„Das ist doch alles kein Spaß, wenn man alt wird“, schimpft sie. „Ständig muss man jemanden um Hilfe bitten. Ich will aber niemand zur Last fallen.“

Das habe ich schon oft gehört. Aber es fällt mir schwer, es richtig zu verstehen. Warum ist es so schwer, Hilfe anzunehmen? Weil man dann zugeben muss, dass man etwas nicht kann? Weil man sich schämt? Das verstehe ich. Aber alle Menschen brauchen doch irgendwann irgendwie von irgendwem Hilfe.

„Pass mal auf“, sage ich zur ihr, „ich gehe jetzt einkaufen. So oder so. Der Einkaufswagen hat viel Platz. Dem macht es gar nichts aus, wenn ich da auch ein paar Sachen für dich reinlege.“ Sie antwortet nicht und schüttelt nur den Kopf.

Ich glaube, Gott hat das Problem auch schon lange erkannt. Jesus hat einmal gesagt: Gott weiß, was ich will, schon bevor ich ihn darum bitte. Deshalb hilft er schon vorher. Wahrscheinlich weil er weiß, wie schwer es vielen Leuten fällt, um Hilfe zu bitten. Vielleicht weil er nicht will, dass sie sich deswegen schämen. Oder sich klein und minderwertig fühlen. Nur weil sie Hilfe brauchen.

Tante Hannah hat sich entschieden. Sie hebt den Kopf. „Milch brauche ich. Für den Kaffee.“
„Kein Problem“, sage ich, „mache ich gern.“

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