Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Der war noch jung. Der hatte noch Fucke. Richtig Fucke!“ Tante Hannah aus Dortmund erzählt von ihrer Zugfahrt zu uns. Ein junger Mann hat ihr mit dem Gepäck geholfen. Aber ich versteh sie nicht ganz. Fucke? Was meint sie mit Fucke?

„Fucke! Kennst du das nicht?“ Sie schaut mich erstaunt an.
„Nein“, sage ich, „das Wort kenne ich nicht. Was meinst du denn?“
„Na, Fucke halt! Kraft. Elan. Schwung. Aber so ganz trifft’s das nicht. Ach, ich weiß auch nicht so recht, wie ich’s sagen soll.“

Der Apostel Paulus kennt das Problem auch. Der weiß auch nicht, was „Fucke“ ist. Aber er weiß, wie das ist, wenn man die richtigen Worte sucht und nicht findet. Besonders dann, wenn er mit Gott reden will. Dann kann er es nicht so recht sagen. Darüber hat er lange nachgedacht und hat in einem Brief an eine Gemeinde geschrieben. „Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Und auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen.“ (Röm 8,26)

Tante Hannah seufzt. Sie denkt immer noch den jungen Mann, der ihr im Zug geholfen hat. Und sucht nach dem richtigen Wort. Und ich bin immer noch begriffsstutzig.

Paulus hat dafür eine Lösung gefunden. Und um die Leute seiner Gemeinde zu beruhigen, schreibt er weiter, dass Gott selbst uns die passenden Worte schenkt. Denn – Zitat – „Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht.“ (Röm 8,27)

„Ach so“, sage ich zu Tante Hannah, „der hat halt richtig Power gehabt.“
Jetzt schaut sie mich fragend an. „Ist das Englisch? Ich kann kein Englisch!“
„Brauchst du auch nicht“, sage ich. „Power ist so ziemlich dasselbe wie Fucke.“ Aber Tante Hannah überzeugt das nicht.

Paulus meint: Wenn wir versuchen, mit Gott zu reden, versteht er uns auch ohne Worte. Ja, Gott versteht uns „in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.“ (Röm 8,26).

Ich kann Paulus da gut verstehen. Manchmal braucht man keine Worte, um sich zu verstehen. Ein Blick, ein Zucken, ein Seufzer. Man kennt sich, man versteht sich. Tante Hannah und ich, wir müssen uns erst mal besser kennenlernen. Deshalb ist es Zeit, die Sache ruhen zu lassen.

Ich gehe aus der Küche und atme tief aus. Das hat Gott bestimmt auch verstanden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22671