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SWR3 Gedanken

Die Aktentasche ist gepackt. Noch ein letzter Blick in den Spiegel. Die Krawatte sitzt. Unterwegs noch schnell einen Coffee to go. Dann verschwindet er durch die Drehtür in den riesigen Bürokomplex.

Christopher ist Banker. Er arbeitet fast Tag und Nacht dafür. Seine Chancen stehen gut es bis weit nach oben zu schaffen. Er ist jung, erfolgreich und er ist zielstrebig. Doch dann wird Christopher die Krawatte um den Hals zu eng. Er steigt aus.

Mit 28 hat er es nicht mehr ausgehalten: immer geht es nur um die große Kohle, den ständigen Druck, besser zu sein als die anderen und daran gemessen zu werden.  So oft schon hat er in seinem Leben Dinge gemacht, die er eigentlich gar nicht wollte. Damit ist jetzt Schluss.

Jetzt kommt er in Jeans und Pulli. Er hat eine Talententwicklungsfirma gegründet, die junge Leute berät und ihnen hilft, ihren Weg zu finden. Er gibt Tipps bei der Berufswahl und übt mit den jungen Leuten wie man eine Bewerbung schreibt und sich vorstellt. Unentgeltlich. Weil er Gutes tun will und weil er Sinn sucht.

So einen Ausstieg finde ich krass. Christophers Entscheidung bewundere ich. Ich bin eher ein Sicherheitstyp und hätte mich das wahrscheinlich nicht getraut. Vielleicht kann ich das auch in meinem Alltag umsetzen. Ich wünsche mir nämlich manchmal auch auszusteigen. Aus den Systemen, die mich „beherrschen“. Mir selbst treu bleiben, mich nicht verheizen lassen. Das geht mir dann so, wenn mir alles über den Kopf wächst. Wenn ich darüber nachdenke, warum ich das oft nicht schaffe wird mir klar: mein Leben ist auch so richtig gut. Ich tue an meinem Platz, was ich kann. Und trotzdem: hin und wieder ist die Vision vom Aussteigen einfach da.

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