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SWR2 Wort zum Tag

Wer sind eigentlich die Menschen, die „Kirchenferne“, „Gleichgültige“ oder auch „Ungläubige“ genannt werden? Diese Zuschreibungen sind allesamt negativ. Sie sagen nichts darüber, was das Leben dieser Menschen positiv bewegt. Ganz anders die Figur, die Arnold Stadler in seinem Roman „Salvatore“ beschreibt.

Salvatore wartete immer noch auf etwas, obwohl er schon lange nicht mehr wusste, worauf. Er hatte den Glauben der Kirche aufgegeben, aber nicht den Glauben an Dinge, die nicht sichtbar waren und die es doch gab: den Glauben an die Hoffnung und die Liebe, die „ja auch nicht sichtbar oder nur ganz selten wie ein Wunder“ waren.

Gott war ihm abhanden gekommen in einer Welt, in der das Wort „vernünftig“ regierte. Und doch wusste er, „dass das Glück nur die halbe Wahrheit war“. Das erreichbare Glück. Er hatte eine größere Sehnsucht, eine unbestimmte, weit größere Sehnsucht als die nach einem erreichbaren Glück.

Rein zufällig, mit großer Distanz, erlebt er den Gottesdienst in einer Kirche und erkennt dabei, dass nicht nur er, sondern auch die wenigen, die gekommen sind, eine Sehnsucht hatten, für die es in der Kirche keinen Platz gab. Er hat gelernt, der Bibel kritisch zu begegnen, und doch gehen ihm bei einem Wort Jesu im Matthäusevangelium die Augen auf, so dass er einen Namen für seine Sehnsucht findet.

Arnold Stadler‘s Romanfigur Salvatore kommt der Wirklichkeit eines Menschen, der „kirchenfern“ oder auch „ungläubig“ genannt wird, näher als diese Zuschreibungen. Weil der Dichter diesen Menschen nicht von außen, nämlich von den kirchlichen Erwartungen her beschreibt, die er nicht erfüllt, sondern von innen her:

Von seiner Sehnsucht, die er nicht vernünftig benennen kann und von der er doch weiß, dass sie unabweisbar da ist. Zugleich sieht Arnold Stadler von dieser eigensinnigen und unvernünftigen Sehnsucht her auf die Kirche und auf ihre Wissenschaft, die Theologie. Die Theologie muss sich fragen lassen, ob sie bei all ihrer Mühe um eine vernünftige Sprache und Lehre noch Raum lässt für ein Staunen über das Wunder. Die Kirche muss sich fragen lassen, ob in ihr wirklich kein Raum für die Sehnsucht ist. Salvatore, Arnold Stadlers Romanfigur, sehnt sich im Grunde nur danach, einem glaubenden und betenden Menschen zu begegnen. Er sehnte sich – wie es in dem Roman heißt - nur nach einem Menschen, „der glaubte, was gar nicht zu sehen war, ja vielleicht sogar mit ihm sprach.“

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