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SWR2 Wort zum Tag

Seit einiger Zeit frage ich mich, ob Toleranz ermüden kann. Ich wohne in Stuttgart. Einer Stadt mit Menschen aus vielen Nationen. Es ist ganz normal, dass ich Frauen mit Kopftuch sehe. Junge und alte, die ihren muslimischen Glauben durch das Kopftuch ausdrücken.

Noch vor zehn Jahren fand ich das völlig richtig. Ich habe es als Zeichen gesehen, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die multikulturell ist und tolerant damit umgeht. So wie diese Frauen ihren Glauben leben, so bin ich eben Christ und andere sind Buddhist oder glauben an gar nichts. Ich war immer stolz darauf, dass die Entscheidung frei ist, was ich glaube. Und dass das in Deutschland sogar rechtlich abgesichert ist. (Es gibt ein Recht auf Religionsfreiheit.) Das zeigt sich eben in einer Vielfalt, die sichtbar wird in der Kleidung oder in religiösen Gebäuden. Als Deutscher bin ich auf diese Vielfalt stolz. Und als Christ bin ich überzeugt: Mein Gott ist mehr und größer, als eine Religion es fassen und ausdrücken kann. Gerade diese Vielfalt ist für mich ein Zeichen für die Größe Gottes.

Im Laufe der Jahre hat sich das verändert. Wenn ich heute Frauen mit Kopftuch sehe, werden andere Gefühle in mir wach. Ich sehe es heute kritischer. Als ob meine Toleranz tatsächlich müde wird. Ich frage mich, ob die Frauen das Kopftuch freiwillig tragen. Wenn das nämlich nicht so ist, wäre das ja kein Zeichen dafür, dass jemand seinen Glauben lebt, sondern ein Zeichen, dass diese Frauen bevormundet werden. Das Kopftuch ist im Koran keine Pflicht. Es ist ein Vorschlag, wie eine Frau zeigen kann, dass sie für Männer nicht frei verfügbar ist. Manche behaupten, dass Gott das genau und nur so will. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich frage mich dann, was das für eine Mentalität ist, bei der ein Mensch sich nicht zeigen kann. Unter Umständen nicht einmal das Gesicht. Für mich ist es wichtig, dass ich den Menschen, denen ich begegne, in die Augen und ins Gesicht schauen kann. Gerade weil der andere kein Gegenstand ist, sondern weil ich in seinem Gesicht einen Menschen und damit einen Bruder oder eine Schwester erkennen kann.

Ich merke, dass meine Toleranz hier an Grenzen stößt. Und ich finde diesen kritischen Blick wichtig. Ich bin ja umgekehrt auch bereit, Kritik von anderen an meinem Glauben anzunehmen. Das gehört für mich dazu zu Religionsfreiheit, zu einer Vielfalt der Religionen und zur Toleranz. Denn wenn Menschen friedlich miteinander leben wollen, geht das nur so.

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