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SWR2 Wort zum Tag

„Von Gott kommt nur Gutes.“ Das klingt fromm und harmlos. Welch aufrüttelnde Anfragen an mein Gottesbild, aber auch: welch tiefe Kraft des Glaubens und des Vertrauens sich in diesen Worten ausdrücken können, das habe ich in der Begegnung mit einer syrischen Familie erfahren.  Vor knapp zwei Jahren sind die Eltern mit ihren vier Kindern geflohen – das älteste Kind war damals sieben, das jüngste ein Jahr alt. Eine reguläre und sichere Ausreise mit dem Flugzeug war nicht möglich, weil der syrische Staat die Eltern zwingen wollte, ihr einjähriges Kleinkind im Land zurück zu lassen. Sie haben sich dann Schleppern anvertraut, die sie über das Mittelmeer bringen sollten. Vor Sizilien ist ihr Schiff im Sturm gesunken. Andere Schiffe, die zur Rettung herbeigeeilt waren, konnten das Elternpaar retten; die vier Kinder wurden in dem Chaos von ihnen getrennt – und waren seither verschollen. 

Ich habe die Eltern kennen gelernt, weil ich darum gebeten wurde, ihnen bei der Suche nach ihren Kindern zu helfen. Sie konnten und wollten sich nicht damit abfinden, dass diese nicht mehr leben sollten. Doch alle noch so aufwendige Suche mit Hilfe italienischer Behörden, der Marine, der Hafenmeistereien, der Polizei, ja eines Fernsehsenders – alles war vergebens. Von den vier Kindern hat  jede Spur gefehlt. Erst jetzt, vor wenigen Wochen, ist die Nachricht gekommen, dass möglicherweise eines der Kinder direkt nach dem Unglück tot gefunden worden ist. Die Eltern haben es dann anhand von Bildern identifizieren können. Inzwischen haben sie auch sein Grab besucht. Und sie betrachten seinen Tod als Zeichen für das, was sehr wahrscheinlich mit den anderen drei Kindern auch geschehen ist. 

Trotz aller Trauer hat die Mutter gesagt: „Allhamdulilah – von Gott kommt nur Gutes.“ Eine Sozialarbeiterin, die die Familie begleitet, hat mir das berichtet. Ich kann das kaum fassen. Ich weiß nicht, ob ich jemals die Kraft hätte, ein solches Unglück als etwas zu sehen, das mir von Gott zugewiesen ist – und dazu auch noch Ja zu sagen. Aber ich stehe mit großer Achtung vor der Glaubensstärke dieser Frau. Sie lässt auch im tiefsten Unglück nicht davon ab, zu vertrauen, dass ihr Leben in Gott geborgen ist – auch wenn sie nicht versteht, was er ihr zumutet. 

Da stellen sich Fragen, die ein Mensch nur für sich ganz alleine beantworten kann. Für mich ist die Haltung dieser syrischen Mutter allerdings ein Anstoß, über meinen eigenen Glauben und mein eigenes Gottvertrauen nachzudenken.

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