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SWR2 Wort zum Tag

Ein Muslim hat meine Aufmerksamkeit wieder auf Franz von Assisi gelenkt. Navid Kermani. 2015 hat er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen.  In seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ widmet er dem mittelalterlichen Heiligen ein sehr schönes und ausführliches Kapitel. Für ihn ist Franz von Assisi eine der herausragenden Gestalten in der Geschichte des Christentums, die das Evangelium nicht nur gepredigt, sondern vor allem gelebt haben. 

Ich komme darauf zu sprechen, weil das Beispiel  des Franz von Assisi in heilsamer Weise zum Nachdenken bringen kann. Gerade in dem spannungsreichen Verhältnis, das aktuell zwischen der christlichen und der islamischen Welt besteht. Kermani beschreibt, wie Franziskus dem ägyptischen Sultan al-Malik al-Kamil begegnet. Beide haben sich gegenseitig bewundert und verehrt. Das beruhte auf der Großherzigkeit des muslimischen Herrschers, aber auch darauf, dass Franziskus bis zu seinem Tod darauf bestand, dass Liebe grenzenlos ist. Feindbilder haben darin keinen Platz. 

In einer Zeit, als das christliche Abendland den Orient mit blutigen Kreuzzügen heimgesucht hat, ist  Franziskus gegen alle Warnungen ohne Waffen, ungeschützt, barfuß und ohne Geld ins Lager des Sultans gegangen. Und entsprechend dem islamischen Salam alaikum hat er den Sultan mit den Worten begrüßt: „Der Herr gebe euch Frieden.“ Das Auftreten und der Friedensgruß des Mönchs mögen den Sultan stark bewegt haben, denn er hat ihn mit hohen Ehren empfangen. Und  vor allem sollte er sich als Politiker erweisen, dem es um den Frieden ging – im Gegensatz zu den Gegnern aus dem christlichen Abendland, die die Friedensvereinbarungen gebrochen haben und in ihrem religiösen Wahn das Heilige Land mit Gewalt überzogen haben. 

Franz von Assisi und der ägyptische Sultan al-Malik al-Kamil: der Friedensgruß verbindet sie. Der eine steht für den christlichen Glauben, der andere für den Islam. Zum Wertvollsten ihres Glaubens gehört für beide eine Ethik des Friedens.  Kermani zitiert eine Sure des Koran, in der es heißt: „Sagt nicht zu jemandem, der euch zur Begrüßung Frieden wünscht, du bist kein Gläubiger.“ Und Franz von Assisi seinerseits ist  zeitlebens dem islamischen Brauch des Salam alaikum treu geblieben und hat  in seinem Testament gesagt: „Der Herr hat mir geoffenbart, dass wir als Gruß sagen sollen: Der Herr gebe dir den Frieden.“ 

Ich werde es künftig noch mehr achten, wenn Muslime mich dem Wort Salam, Frieden, grüßen. Das passiert oft. Und ich werde es noch aufmerksamer erwidern.

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