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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

"Es ist unglaublich, was sich der Kollege im Büro alles erlaubt!“ Im Gespräch mit mir hielt die junge Frau mit ihrer Wut nicht hinterm Berg. „Oft hebt der Kollege das Telefon gar nicht ab, wenn es klingelt – dafür führt er dann Privatgespräche auf dem Handy. Und er geht zu der Kollegin im Büro nebenan und quatscht lange mit ihr. Die Arbeit ist ihm ziemlich egal. ‚Ich nehme alles etwas locker.‘ hat er gesagt. Und ich, ich sitze da und weiß manchmal nicht, wo mir der Kopf steht. Ich habe einen richtigen Zorn auf diesen Kollegen.“

Wuff! Volle Breitseite. Da kam der ganze Groll auf den Kollegen heraus. Verständlicherweise. Doch im Verlauf des langen Gesprächs änderte sich die Gefühlslage der jungen Frau. Am Ende war sie nicht mehr bei dem Kollegen, sondern ganz bei sich selbst. Und sehr nachdenklich.

Denn sie ist nach und nach sich selbst auf die Schliche gekommen. Ihr ist aufgegangen, warum sie den Kollegen so auf dem Kicker hat. Natürlich ist es ärgerlich, wenn ein Kollege seine Arbeit nur sehr nachlässig macht, – erst recht, wenn dadurch die andern mehr machen müssen. Aber der eigentliche Grund für die innere Aufwallung der jungen Frau war ein anderer. Sie hat gemerkt: Trotz des falschen Verhaltens des Kollegen ist sie irgendwie neidisch auf ihn. Neidisch auf die Lockerheit, mit der der Kollege das Leben nahm. Sie selbst war sehr gewissenhaft, pflichtbewusst, manchmal eher verkrampft – und so schielte sie mit einer gewissen Sehnsucht auf den Kollegen, der alles so locker nehmen konnte.

Mit dieser Erkenntnis war die junge Frau dann auf sich selbst zurückgeworfen. Und sie fragte sich, wie sie auch lockerer werden könne. Ihr wurde bewusst, dass sie öfter schon versucht hatte, irgendwie einen „auf cool zu machen“; aber das war dann künstlich, da war sie nicht sie selbst.

Nun macht sie sich auf einen anderen inneren Weg. Der erste Schritt ist: Ja sagen zu sich selbst. Sich so annehmen, wie sie ist – gerade auch mit der fehlenden Lockerheit. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sich dort etwas wandeln kann.

Dabei kann der jungen Frau ihr Glaube eine gute Hilfe sein: Die Gewissheit, dass Gott mich so annimmt, wie ich bin, mit allen Macken und Schwächen – dieses Vertrauen kann helfen, dass ich selbst immer mehr Ja sagen kann zu mir und dadurch innerlich wachse.

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