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SWR2 Wort zum Tag

Jubiläen sind gewiss oft zufällig und nichtssagend. Der 800. Geburtstag von Mechthild von Magdeburg aber lädt zu einer Entdeckungsreise ein. Diese gottverliebte Frau hat uns eines der größten poetischen Werke deutscher Liebeslyrik hinterlassen. Voller Zärtlichkeit spricht sie vom Geheimnis der Gottes- und Nächstenliebe, wie es Christenart ist. Aber noch verrückter und aktueller ist etwas anderes: Mechthild im 13. Jahrhundert beschreibt als erste, was heutzutage viele erleben: die Gottesferne im Glauben. Was zwischen Menschen gilt, gilt vergleichbar nämlich auch für die Beziehung zu Gott: sie kommt in Krisen, alles gerät auf den Prüfstand. Mechthild von Magdeburg ist der erste Christenmensch, der das beschreibt. Es ist wie ein Psychodrama, nein: ein Theodrama: der Glaube verschwindet von der inneren Bühne des Menschen, die Hoffnung, die Liebe – alle personifiziert wie im Welttheater Hofmannsthals oder Hürlimanns. Der Trost geht weg, alle Befriedigung und Gewissheit ist dahin. Zum Schluss ist nur noch, wie Mechthild sagt, die Fremde Gottes da. Die innere Bühne des Menschen ist wie leer geräumt, alles irgendwie trostlos, bildlos, gottlos. Unsereiner im 20. Jahrhundert weiß ein Lied davon zu singen, als Atheist oder als Glaubender. Alle Gottesvorstellungen können einem abhanden kommen, alle Gewissheiten werden brüchig, was trägt überhaupt noch, was gilt, was ist der Glaube? Mechthild von Magdeburg spricht in ihrem Mittelhochdeutsch von der „gotzvremdunge“, der Gottesentfremdung. Die Magdeburger Begine sieht sich „unter Luzifers Schwanz“ versetzt und lernt, was es heißt, Christus karfreitaglich nachzufolgen. „Nun verfährt Gott wunderbar mit mir, da mir seine Entfremdung lieber ist als er selbst“, sagt sie schließlich; einer der größten Sätze im bisherigen Christentum. Glaubend begrüßt Mechthild die Gottesentfremdung, den Gottesentzug, den Atheismus. Aus eigener Erfahrung sagt die wohl schon 50jährige Christin: Erwachsen im Glauben ist nur, wer die höchste Höhe der Gotteinigung und diese tiefste Tiefe der Gottesentfremdung erfahren hat. Alle Gottesbilder zerbrechen, alle Gottesgewissheiten verschwinden, aber mitten im Zusammenbruch, mitten in der dunklen Nacht zeigt sich umso mehr die Verlässlichkeit des Glaubens, die Treue Gottes. Schon im Karfreitag ist Ostern präsent. Nehmen wir also die Glaubenszweifel ernst, die Zeiten der Gottlosigkeit und Gottverlassenheit, die agnostischen und atheistischen Fragen - sie gehören zum Glauben selbst. Diese Mechthild von Magdeburg hat sich durch nichts abbringen lassen vom österlichen Glauben, ganz im Gegenteil. So gewiss war sie der Treue Gottes. Das wünsche ich Ihnen und mir.
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