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SWR3 Gedanken

Fast 20 Kilogramm. So schwer ist das Holzkreuz, das sie im Ort meiner Kindheit zu jeder vollen Stunde aus der Stadt hinaus über einen bewaldeten Hügel tragen. Vom Gründonnerstagabend bis zum Karsamstagmorgen. Stunde für Stunde, Tag und Nacht. Seit über 300 Jahren schon geht das so in diesen drei Tagen vor Ostern. Skurrile Tradition? Christliche Folklore? Vielleicht. Doch es sind ausschließlich Freiwillige, die das machen. Etliche kommen aus dem Ort, aber auch Fremde von anderswo sind darunter. Ihre Gesichter sind verhüllt. Die Kreuzträger bleiben also unbekannt und meist auch die Gründe, warum sie das tun. Nur wenig ist darüber zu erfahren.

Heute am Karfreitag erinnern sich Christen überall auf der Welt, wie Jesus am Kreuz hingerichtet wurde. Für manche, die dort das Kreuz tragen, mag es also eine besondere Art des Mitfeierns sein. Doch mancher Kreuzträger hat auch einen Schicksalsschlag hinter sich. Hat schmerzvoll erleben müssen, wie der eigene Lebensentwurf  durchkreuzt wurde, von einer Stunde auf die andere. Wie es plötzlich einfach nicht mehr weiterging, durch Krankheit, Unfall, einen plötzlichen Tod. „Wer mir folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, heißt ein Satz in der Bibel. Diese Menschen nehmen das Kreuz, das sich in ihren Lebensweg gestellt hat, noch einmal auf. Symbolisch, 20 Kilogramm, ganz konkret. Sie schleppen es allein, doch sie bleiben nicht allein, denn hunderte folgen ihnen. Gehen mit ihnen den Weg über den Berg. Es ist die christliche Hoffnung des Karfreitags. Welches Kreuz auch immer du mit dir herumschleppst, du bist damit nicht allein.

 

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