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SWR2 Wort zum Tag

„Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken, / Der Vogel in den Lüften nicht versinken, / Das Gold ist im Feuer nie vergangen, / Denn es wird dort Klarheit und leuchtenden Glanz empfangen. / Gott hat allen Kreaturen das gegeben, / Dass sie ihrer Natur gemäß leben. / Wie könnte ich denn meiner Natur widerstehen?“ So heißt es in einem der schönsten und spannendsten Bücher deutscher Literatur und christlicher Mystik. Vor 800 Jahren ist die Autorin geboren, Mechthild von Magdeburg. Die heimatliche Adelsfamilie verlassend, geht sie in den Schmelztiegel der Großstadt. Sie schließt sich der Bewegung der Beginen an. Es sind Frauen, die radikal Christus nachfolgen wollen und sich aus der patriarchalen Zähmung durch Familie, Ehe und auch Kirche befreien. Kranke pflegend, Trauernde tröstend, mit Handarbeit und Spenden ihren Unterhalt sichernd – so leben diese Frauen in kleinen Gemeinschaften zusammen, kritisch beäugt von den kirchlichen Instanzen und männlichen Behörden. Mechthild wird in diesem Milieu eine Autorität. Ihr Buch „Das fließende Licht der Gottheit“ ist poetisch wie spirituell ein kostbares Dokument christlichen Minnegesangs.
Wie der Fisch im Wasser, wie der Vogel in der Luft, so will sie in ihrem Element sein – wer wollte das nicht, auch heute? Gott habe allen Kreaturen das gegeben, dass sie ihrer Natur gemäß leben – und das ist für Mechthild, das ist für den Menschen nur eins: die Minne, die spirituelle Energie der ganzen Wirklichkeit, in allen Dingen, in jedem Leben. Für Mechthild hat diese Liebe einen Namen und ein Gesicht. Es ist der lebendige Gott, wie er in Christus begegnet. „Ich muss in allen Dingen zu Gott hingehen, / der mein Vater ist von Natur, / mein Bruder nach seiner Menschheit, / mein Bräutigam von Minnen / und ich die seine ohne Beginnen.“ Diese Mechthild ist zu der Gewissheit gekommen, vom Ur-Sprung her, wortwörtlich von Anfang an, ein Gottesgeschenk zu sein. Kein Betriebsunfall, kein Zufallsprodukt der Evolution, kein Blindgänger der Geschichte, nein: sie weiß sich als erwachsene Frau mit dem lebendigen Gott vermählt. Das ist ihre Würde, das gibt ihr den unglaublichen Mut, mit eigener Stimme zu reden und ohne klerikale Zensur zu predigen und zu schreiben. „Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken, / der Vogel in den Lüften nicht versinken…“ Mechthild weiß sich getragen wie der fliegende Vogel und der schwimmende Fisch. Gottes Liebe macht sie frei und selbstbewusst. Ist das nicht eine Botschaft über 800 Jahre hinweg, auch heute, für Sie und mich?

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