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SWR3 Gedanken

So jetzt ist es amtlich: Deutschland verdient an den Flüchtlingen! Das kommt daher, dass aufgrund der gesteigerten Ausgaben der Kommunen für die Flüchtlinge in Deutschland die Konjunktur boomt: Da werden Baumaßnahmen ergriffen und Leute eingestellt: Sozialarbeiter, Verwaltungsleute in den Ämtern, Security, aber auch Leute vom Bau, Ärzte und Lehrerinnen und Lehrer. Und dieser Boom wird auch in 2016 weitergehen!

Ob das jetzt irgendjemand von denen beruhigen wird, die befürchten, sie würden nächste Woche zwangsenteignet weiß ich nicht. Anders als meine Großmutter, die Flüchtlinge und britische Soldaten in die Wohnung einquartiert bekommen hat, merken die meisten von uns ja nichts davon, dass Geflüchtete hier leben.

Es wundert mich zunehmend, dass viele meinen, Flüchtlinge bedrohten ihr persönliches Leben ohne auch nur einen zu kennen. Ich verstehe das sehr gut, wenn jemand wenig Geld hat und nun Angst hat, gar keine Wohnung mehr zu finden, weil wir in der Tat und schon lange einen Wohnungsnotstand haben. Aber wie ist es mit denen, die in großen Einfamilienhäusern leben. Ganz allein, wenn die Kinder ausgezogen sind? Denen würde ich fast wünschen, dass jemand einquartiert würde, eine von den Familien, die sich so sehnen nach einem Ort wo sie einfach bleiben dürfen. Davon würden sie nicht nur wirtschaftlich sondern auch emotional profitieren. Ich kenne viele, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Manche haben tatsächlich ihr großes Haus geöffnet, damit da jemand mit leben kann. Manche waren schrecklich einsam und leben jetzt zusammen mit jungen Leuten und Kindern und genießen das. Sie können wie so viele ihre Fähigkeiten einsetzen und Deutschunterricht geben oder mit Geflüchteten Theater spielen oder kochen oder zusammen Musik machen oder Kunst oder jemand als Kollegen einarbeiten. Sie können Gutes tun und jemanden trösten, verarzten, jemandem beistehen und zuhören.

Das alles macht glücklicher als jedes Zweitauto. Wer mit Geflüchteten in direktem Kontakt ist, erlebt fast immer: Ich bin nicht bedroht, ich bin beschenkt! Es ist ein anderes Konjunkturprogramm mit den Flüchtlingen. Deutschland boomt – auch und gerade emotional.

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