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SWR2 Wort zum Tag

In vielen Klöstern kommen Ordensleute zu einer Nachtwache zusammen, die mit einem Hymnus, einem Lied beginnt. In französischen Texten für das Stundengebet fand ich ein solches Lied, das in fünf Strophen immer wieder eine Nacht besingt: Die Nacht der Anfänge von allem. Die Nacht der Geburt des Jesus von Nazareth. Die Nacht seines Todes am Kreuz. Die Nacht seines unbegreiflichen Sieges über den Tod. Und schließlich die lange Nacht eines jeden menschlichen Lebens.

Warum wird ausgerechnet die Nacht besungen? Das Dunkel der Nacht steht doch für alles, was gefährlich sein kann und Angst macht. Das Dunkel verbirgt all das, was den Tod bringt. Bei Tageslicht können wir einer Gefahr wenigstens ins Auge blicken. Das Dunkel der Nacht ist der Ort der Ereignisse, die uns überraschen. Der Ort all dessen, was uns unvorbereitet und ungewappnet trifft und was wir auch nicht mit Erklärungen in unsere Macht bekommen können. So steht die Nacht für all das, was sich uns für immer entzieht.

Die Herkunft des Menschen, der Ursprung der Welt liegt im Dunkel. Im Dunkel liegt für Christen der Ursprung, die Herkunft des Menschen Jesus: das Wunder dieses Menschen, der den Lauf der Geschichte mit etwas Neuem unterbricht. Im Dunkel liegt jene Nacht auf dem Hügel vor den Toren der Stadt Jerusalem, als sich der Himmel verfinsterte und ein unschuldiger Mensch gequält und getötet wurde. Im Dunkel liegt, was im Grab geschah an jenem Tag, als die Jüngerinnen und Jünger Jesu begannen, den Lebenden nicht mehr unter den Toten zu suchen. Und im Dunkel liegt auch die Nacht, die das Leben eines jeden Menschen zu einem Rätsel macht.

Diese Nacht besingt das Lied der Mönche in der letzten Strophe: die lange Nacht, in der Menschen wandern und in der nichts mehr zu existieren scheint als die zerbrochenen Hoffnungen. Doch bereitet Gott in dieser und in jeder Nacht die Erde für sein Kommen. Jede Nacht birgt die Verheißung einer endgültigen Verwandlung, in der neues Leben anbricht, wie ein nicht endender Tag.   

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