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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Vor einer Weile bin ich in einen Streit geraten. Also nicht ich, zwei Andere haben sich gestritten. Ein Wort gab das andere. Jeder hat es besser gewusst. Und schließlich flogen die Fetzen. Irgendwann ist einer der Streithähne aufgestanden, hat sich geräuspert und gesagt: „Ich bitte euch um Verzeihung. Ich habe mich im Ton vergriffen, das tut mir leid.“ Dann war es still. Nach einer Weile hat ein Anderer gesagt: „Ist in Ordnung. Ich bin eben auch nicht immer sachlich gewesen.“
Danach ist die Diskussion versöhnlich verlaufen. Am Ende gab es sogar einen Kompromiss.
Seitdem kommt mir diese Situation in den Sinn – immer wenn es um das Thema Streit geht.
Dass sich jemand vor versammelter Mannschaft hinstellt und einen Fehler eingesteht. Dass er die anderen dafür sogar um Verzeihung bittet, das erlebe ich nicht oft. Das finde ich stark!
Und das wünsche ich mir viel öfter.
Durch seine Bitte um Verzeihung konnte der Streit beendet werden ohne dass es Gewinner oder Verlierer geben musste. Das war heilsam.
Obwohl das eigentlich jeder weiß: Es braucht viel mehr Mut, um Verzeihung zu bitten als einfach weiterzumachen nach dem Motto ‚Wie du mir so ich dir‘.
Ich glaube: Versöhnung ist nichts für Weichlinge. Es braucht Mut, sich nicht rauszureden oder seine verletzenden Worte zu rechtfertigen. Es braucht innere Größe sich hinzustellen und zu sagen: „Ich bitte um Verzeihung.“
Und es braucht nicht weniger Größe zu sagen: „Ich vergebe dir. Ich werde es zwar nicht vergessen, aber ich werde mich nicht rächen.“
Das klingt großartig, trotzdem fällt mir das nicht leicht. Als mich ein ehemaliger Mitbewohner einmal über den Tisch gezogen hat, hat mich das Monate lang wütend gemacht. Ich bin den Ärger einfach nicht losgeworden. Irgendwann bin ich in einem Gottesdienst an einer Bitte im Vater Unser hängen geblieben. Ich habe mir selber zugehört, als ich gebetet habe: Vergib uns unsere Schuld, Gott, wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind.“ Auf einmal war der Ärger weg. Ich war einfach nicht mehr wütend.
Vielleicht hat Vergeben doch was mit Gott zu tun. Dass er uns schon längst vorausgegangen ist mit dem Vergeben. Wir machen es ihm nur nach.

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