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SWR2 Wort zum Tag

Meine Schritte hallen durch die hohe Kirche. Dieser Weg ist viel länger als gedacht. Eigentlich müsste ich gleich am Ziel sein. Aber schon wieder eine Biegung. Immer wieder zwingen mich 180-Grad-Kurven die Richtung zu ändern. Zweimal schon wäre ich fast angekommen an meinem Ziel, doch dann führte der Weg wieder von der Mitte weg. Dahin bin ich nämlich unterwegs - zur Mitte des Labyrinths. Schon am Anfang meiner Strecke hatte ich das Ziel direkt vor Augen, doch ich bin nicht hingekommen. Im Dämmerlicht das durch die Kirchenfenster fällt, musste ich dem Weg folgen und der hat mich wieder vom Zentrum weggeführt.

Ich laufe also durch ein Labyrinth. Es ist in den Steinboden der Kirche eingearbeitet und ich folge den schmalen Gängen. Es gibt nur einen Weg, und der führt mich vom Eingang aus in vielen Kurven und Windungen um eine Mitte. Spannend finde ich, dass sich die Richtung des Weges andauernd völlig ändert. Ein hin und her.

Diese Labyrinthe liegen „im Trend“. Zum Beispiel in der Kirche St. Konrad und Elisabeth in Freiburg gibt es so eins. Das ist interessant, denn schon seit hunderten von Jahren sind sie in der christlichen Kirche bekannt und haben ihre Bedeutung. Sie sind zu einem christlichen Bild für das Leben geworden. Jeder Mensch hat seine eigene innere Mitte. Und um den Weg zu diesem eigenen Kern geht es. Im christlichen Sinn ist genau hier Gott zu finden. Also ist das Labyrinth ein Weg zu meiner Mitte und damit zu Gott.

Dass der Weg im Labyrinth eben nicht kerzengerade verläuft, passt prima zu meinem Leben.

Ich bin als Mensch mit Geist und Körper ein unglaublich kompliziertes Geschöpf. Und deshalb ist auch der Weg zu mir selbst und zu Gott nicht einfach.

Ich brauche dafür einen langen Atem und ich muss immer wieder bereit sein, die Richtung zu ändern.

Dazu zwingt mich ein Labyrinth. Hier ist es nötig, dass ich kehrt mache und die Richtung wechsle, um weiter voran zu kommen. Ich muss wohl oder übel immer wieder umkehren. Das ist manchmal mühsam und frustrierend, weil ich lieber schnell und einfach ans Ziel kommen will.

Das funktioniert leider im Labyrinth nicht und in meinem Leben auch nicht. Egal wie kompliziert und verkorkst gerade alles ist. Aber so ist das Bild vom Labyrinth für mich besonders hilfreich. Es motiviert mich, weiter zu machen. Dabei komme ich dann mir selbst wieder näher und meistens auch Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21253