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SWR2 Wort zum Tag

Niemand weiß mit Sicherheit, wie viele Flüchtlinge noch in unser Land kommen werden. Und es gibt große Bedenken, ob dadurch nicht unser Leben in Deutschland in Europa unsicherer wird, weil wir nicht wissen, ob Extremisten unter den Flüchtlingen sein könnten oder weil es fragwürdig ist, ob so viele neue Migranten in unsere Gesellschaft aufgenommen werden können. Migration und Flucht sind überhaupt Anzeichen einer immer unsicherer werdenden Welt, die zwar immer mehr zusammenwächst, aber auch immer weniger Grundsätze bietet, auf die wir uns verlassen können. Wenn Sicherheiten wanken reagieren viele Menschen mit Ängsten. Und aus Angst wird leicht Fundamentalismus – religiöser wie politischer Art – dabei flüchten Menschen in scheinbare Sicherheiten, einfache, unumstößliche Wahrheiten.

Ich meine, dass dies in eine Sackgasse führt und dass uns nichts anderes bleibt, als diese grundsätzliche Unsicherheit zu akzeptieren. Wir haben durch die Globalisierung neue Möglichkeiten der Kommunikation und viele Chancen dazugewonnen. Aber wir sind dadurch auch dazu verdammt, gleichsam auf ständig schwankendem Boden, auf dem Eis durch’s Leben zu gehen. Statt damit zu hadern und sich in scheinbare Sicherheiten zu flüchten, scheint es mir hilfreich, dies zu verstehen und zu akzeptieren.

Auf dem Feld der Religion macht uns Papst Franziskus dies momentan vor. Er verlässt den Hochsicherheitstrakt der kirchlichen Lehre und traut den Menschen zu, selbstverantwortlich zu denken. Nur wer diese Sicherheit der eigenen Wahrheiten hinter sich lässt, ist zu wirklichem Dialog fähig. Die Kirche kann dann mit der modernen Gesellschaft in Dialog treten und mit andern Konfessionen und Religionen. Statt ängstlich um den Verlust der eigenen Macht zu bangen, setzt er auf Vertrauen und Barmherzigkeit. Mit den Worten des Papstes: „Mir ist eine verbeulte Kirche lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist." Auf mich persönlich gewendet möchte ich sagen: Mir ist ein verbeultes Leben lieber als eines, was sich an starre Prinzipien klammert und sich dem Neuen und Unbekannten verschließt, das mich bereichern kann. Wenn wir uns an scheinbare Sicherheiten klammern, werden wir die Vielfalt des Lebens nicht entdecken können. Wenn wir uns als Gesellschaft vor dem fremden und neuen verschließen, werden wir erstarren in unserem Denken, unserer Sprache und Kultur. Wenn ich akzeptiere, dass es keine felsenfesten Wahrheiten gibt, kann ich mich öffnen und vertrauen. Dann wird die Eisfläche zur Tanzfläche.

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