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SWR3 Gedanken

Je suis Charlie. So hieß es genau vor einem Jahr. Und auch ich war für ein paar Tage Charlie, jedenfalls auf meinem Account im Sozialen Medium. Aber schnell wurde dieser Satz auch kritisiert. Es wurde einem Heuchelei vorgeworfen, Naivität und die Unkenntnis darüber, wie und was dieses Satireblatt Charlie Hebdo eigentlich ist.
Den Terror findet man natürlich schlimm, aber mit solch einem Schundblatt, das nicht nur den Islam, sondern regelmäßig auch das Christentum aufs schärfste diffamiere, damit könnte man sich doch nun wirklich nicht solidarisieren. Kein Wunder, dass die überfallen worden sind.
Diese Logik hatte für mich die Qualität von: Wenn eine Frau so kurze Röcke anzieht, muss sie sich nicht wundern wenn sie vergewaltigt wird!
Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter in der Bibel hat eine andere Logik. Da wird auch einer von Räubern überfallen und halb tod geschlagen. Aber der, der vorbeikommt, fragt auch nicht erst, ob der Überfallene vielleicht selber dran schuld ist. Hätte ja einen anderen Weg gehen können. Er hilft einfach. Ohne Nachfragen, ohne Vorbehalte.
Jeder, der unter die Räuber gefallen ist, hat unsere Solidarität verdient, meint die Geschichte. Und weil ich das im Fall Charly Hebdo schlecht vor Ort kann, mache ich eben das hilfloseste, das man tun kann. Ich drücke meine Solidarität wenigstens in der kleinen Öffentlichkeit meiner Freunde aus. Je suis Charlie! Je suis Paris! Je suis Humain- Ich bin ein Mensch!
Für mich ist das selbstverständlich. Und natürlich gäbe es da noch viele andere Unglücke und Anschläge, von denen ich nichts erfahre. Wie gesagt: Es ist eine hilflose Geste. Ich finde sie trotzdem richtig. Weil ich damit zeigen will: Ihr seid nicht allein mit eurem Entsetzen und ich bin es auch nicht. Wir sind eine Gemeinschaft, die ähnlich denkt und fühlt. Wenn man zusammensteht in der Trauer und im Leid, ist das besser als allein zu sein. Und das gilt auch ein Jahr danach. 

 
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