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SWR2 Wort zum Tag

Die Thomaskirche in Leipzig ist für Bachliebhaber ein besonderer Ort. Hier hat der Komponist viele seiner Werke aufgeführt. Hier war er Kantor und Organist. Hier liegt Johann Sebastian Bach begraben.
Artur Zmijewski, ein polnischer Gegenwartskünstler, hat Sinn für Orte mit einer besonderen Aura. Auf der diesjährigen Documenta in Kassel ist eine Videoarbeit von ihm zu sehen – und zu hören. Ihr Titel: „Tauber Bach“. Zmijewski lässt in der Thomaskirche, sozusagen über Bachs Grabplatte, die Bachkantate aufführen: „Jesu, der du meine Seele “. Solistin ist Ewa Lapinski, begleitet vom Barockensemble der Musikhochschule Leipzig. Die Chorpartie singt der Chor der Samuel-Heinicke-Schule für Schwerhörige und Gehörlose. Im Video sieht man die Begeisterung der singenden Jugendlichen. Man hört auch ihre Inbrunst. Aber was man sonst noch hört, ist unbeschreiblich. Es ist herzergreifend und herzzerreißend zugleich. Die Sängerin zieht klar und schön ihre Linien, das Orchester begleitet sensibel und transparent. Und im Chor wird gelallt, geschrieen, gebrüllt, geklagt, gejubelt und gestöhnt. Alles, nur nicht die Noten, die Bach komponierte. Es ist schwer auszuhalten. Und das ist die Absicht. Gehörlose, so der Künstler, sind nicht in der Lage, so sehr sie sich auch anstrengen, einen für Hörende akzeptablen Bach zu singen. Das gelte es zu akzeptieren.
Das Leben ist andersartig. Wer nicht hört, lebt in einer anderen Welt als Hörende. Wer nicht sieht in einer anderen als Sehende. In letzter Konsequenz hieße das zu akzeptieren, dass Bach den Gehörlosen verschlossen bleibt. Sie sind taub für Bach, so wie manche Hörende taub sind für Religion oder taub für Mathematik.
Ich sehe und höre das anders. Was der Chor der Samuel-Heinicke-Schule singt, ist für mich eine überzeugende Aufführung von Bach „Jesu, der du meine Seele hast herausgerissen aus schwerer Seelenot, sei doch jetzt, o Gott, mein Hort.“ Davon ist in der existentiellen Expression der gehörlosen Schüler viel zu hören, auch wenn die Worte nicht zu verstehen sind. Mich hat diese Aufnahme tief berührt. Nicht weil sie so anders ist, sondern weil sie so ähnlich ist. Die gehörlosen Jugendlichen versuchen dem unaussprechlichen Geheimnis des Lebens ihren eigenen Ausdruck zu geben. Etwas anderes kann auch eine professionelle Aufnahme nicht leisten. Selbst wenn der Chor alle Töne korrekt singt.
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